Lesezeit ca. 17 Minuten

Vom aufstrebenden Talent zum arbeitslosen Ex-Star bis zum Mitglied der St.-Pauli-Jahrhundertmannschaft – Michél Dinzey hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Hier blick er auf seine wechselhafte Karriere zurück und stellt dabei seine Traumelf aus seinen früheren Mitspielern auf. Dabei erinnert er sich an Jahrhunderttalent Jan Simak, Wortgefechte mit Axel Kruse, den begnadeten Thomas Hässler und Unfallhelfer Giovane Elber. Außerdem spricht er über seinen besten Trainer, einen fatalen Vereinswechsel und das emotionalste Spiel seiner Karriere.

Die Traumelf von Michél Dinzey

Taktische Aufstellung


Michél Dinzey über…

Gabor Kiraly // Torwart // Hertha BSC

Gabor war ein positiv Verrückter, der bereits damals immer seine berühmte graue schlabberige Trainingshose anhatte. Schon in jungen Jahren hatte er eine große Präsenz auf dem Platz und verlieh unserer Mannschaft dadurch Sicherheit.

In jedem Training stand er unter Strom und ging ans Limit. Wir haben uns oft gegenseitig aufgezogen. Irgendwann wusste ich genau, wie ich ihn anstacheln konnte. Manchmal hat er dann seine Handschuhe vor Wut weggeworfen und die Bälle mit blanken Händen gehalten. Das war genauso beeindruckend wie seine Abwürfe bis über die Mittellinie und seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie.

Ersatztorwart: Michael Hofmann, TSV 1860 München

Mit »Michi« wurde es nie langweilig. Er konnte sabbeln ohne Ende und hatte immer neue Storys auf Lager. Außerdem war er ein wandelndes Fußballlexikon, das dir aus dem Stegreif die Aufstellung der deutschen Nationalelf bei der WM 1994 gegen Bolivien nennen konnte. In Trainingslagern haben wir uns die Nächte mit PGA-Golf auf der Playstation um die Ohren gehauen. Das war zwar nicht sonderlich professionell, aber hat unglaublich viel Spaß gemacht. Mit seiner ganzen Art war er für mich zu meiner Zeit bei den Löwen, als es mir sportlich und privat nicht sonderlich gut ging, eine große Stütze.

Gerald Vanenburg // Libero // TSV 1860 München

Was Gerald technisch drauf hatte, war der absolute Wahnsinn. Im Vergleich zu ihm sind die meisten anderen Stümper am Ball. Er hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass wir in der Saison 1999/2000 mit ihm als Libero und Kapitän fast sensationell Vierter geworden sind. Für mich war er ein ganz Großer, aber er hat nie den Star raushängen lassen. Er war total bodenständig, kommunikativ und lustig. Mir hat imponiert, wie ernst er seinen Job nahm. Daran habe ich mir eine Scheibe abgeschnitten – zwar noch nicht damals, aber ab dem Herbst meiner aktiven Karriere.

Ersatzmann: Paul Caligiuri, FC St. Pauli

Mit Paul habe ich während meiner ersten Zeit bei St. Pauli regelmäßig Hamburg erkundet. Von seiner Erfahrung als US-Nationalspieler und Teilnehmer der WM 1994 habe nicht nur ich profitiert. Er hatte ein außergewöhnlich gutes Auge und Gespür für Situationen, war total hilfsbereit und hat seine Erfahrung an die jungen Spieler weitergegeben. Spielerisch gab es Bessere, aber es tat gut zu wissen, einen in der Abwehr zu haben, der rigoros dazwischenhaut.

Eyjolfur Sverrisson // Innenverteidiger // Hertha BSC

Weil niemand seinen Vornamen aussprechen konnte, haben wir ihn nur »Jolly« genannt. Auf dem Platz war er eine verdammt harte Nuss, die seine Gegenspieler zerstören konnte. In der Mannschaft war er sehr beliebt, weil er ein herzensguter Pfundskerl war, an den man sich bei Fragen oder Problemen jederzeit wenden konnte. Außerdem war Jolly ein Schönling und unser Partykönig.

Ersatzmann: Kosta Rodrigues, Eintracht Braunschweig

In Braunschweig hat Kosta mir auf der linken Seite den Rücken freigehalten. Ein sehr guter Typ, mit dem ich mich auf und neben dem Platz super verstanden habe. Im Spiel war er ein Hitzkopf und in der Kabine ein Entertainer. Mit seiner Frankfurter Getto-Schnauze hat er die ganze Mannschaft unterhalten. Manchmal kann ich es kaum glauben, dass er heute in Braunschweig einen auf Jugendtrainer macht. Ich hoffe seinen Jungs nehmen ihn ernst. (lacht)

Thomas Berthold // Innenverteidiger // VfB Stuttgart

Ich habe es Thomas nie gesagt, aber von meinem ersten Tag an in Stuttgart habe ich zu ihm aufgeschaut. Ich war ein zwanzigjähriger Vertragsamateur und er stand schon in zwei WM-Finals, hatte bei Bayern und in Italien gespielt.

Es war der Hammer, welche Präsenz er hatte. Sein Stellungsspiel, seine Anweisungen, seine Pässe und sein Zweikampfverhalten haben mich tief beeindruckt. Er war nicht besonders schnell, aber mit seiner Übersicht hat er Situationen entschärft, bevor sie gefährlich wurden. Es war allerdings besser, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn er sauer war. Dann ist er so hart eingestiegen, dass da kein Gras mehr gewachsen ist.

Ersatzmann: Modou Kah, Vålerenga Oslo

Mit 19 Jahren war Mo schon ein fertiger Spieler und auf dem Sprung in Norwegens Nationalmannschaft. Herausragend war seine Ballbehandlung, die für einen Innenverteidiger alles andere als normal war. Obwohl ich damals fast zehn Jahre älter war als er, hatten wir sofort einen guten Draht zueinander. Er hat mir Oslo gezeigt und er war immer ganz Ohr, wenn ich ihm von meiner Karriere erzählt habe. Wir haben nur ein halbes Jahr zusammengespielt, aber ich denke immer wieder gerne an ihn zurück.

Brian Roy // Rechtes Mittelfeld // Hertha BSC

Leider ist Brian trotz seiner brillanten Technik bei uns sportlich nicht so eingeschlagen wie erhofft, aber für unsere Mannschaft war er alleine aufgrund seiner positiven und lustigen Art ein Gewinn. Und modisch hat ihm niemand etwas vorgemacht. Selbst zum Rittermahl bei unserer Weihnachtsfeier kam er mit einem stylischen, weißen Hemd. Das hätte er besser sein lassen. Schon bald ist der Abend ausgeartet und alle fingen an, Wein über Brians Hemd zu schütten und die Fettfinger daran zu säubern. Bei so einem Mahl geht es darum, mal die Tischmanieren Zuhause zu lassen, aber wir haben es deutlich übertrieben, sodass wir irgendwann rausgeschmissen wurden.

Ersatzmann: Andreas “Zecke” Neuendorf, Hertha BSC

Auf dem Rasen war »Zecke« genauso unberechenbar wie im Leben, ein Straßenfußballer und enfant terrible. Er war und ist ein liebenswerter Chaot, der sein Herz auf der Zunge trägt. Wir sind damals enge Freunde geworden. Falls ich mal ein Buch schreiben sollte, könnte ich alleine mit meinen Erlebnissen mit ihm ein Kapitel füllen. Doch weil das nicht unbedingt jugendfrei wäre, lasse ich das besser! Sicher hat Zecke nicht das Optimum aus seinem großen Potenzial gemacht, aber dafür sicher mehr Spaß gehabt als die meisten anderen Profis!

Carlos Dunga // Defensives Mittelfeld // VfB Stuttgart

Als ich in Stuttgart zu den Profis kam, hatte Carlos Dunga kurz vorher als Kapitän der brasilianischen Mannschaft die WM gewonnen. Er war ein Top-Star und eine unfassbare Führungspersönlichkeit, der Kommandos gegeben und Struktur ins Spiel bringen konnte. Er war wie Berthold nicht der Schnellste, aber fußballerisch top und konnte aus dem Stand millimetergenaue Pässe schlagen.

Ersatzmann: Pal Dardai, Hertha BSC

Als Rekordspieler der Hertha besitzt Pal in Berlin Legenden-Status. Auf dem Platz war er Mr. Zuverlässig. Unsere gemeinsame Zeit bei der Hertha liegt lange zurück, aber er hat ein sehr gutes Gedächtnis und packt bei unseren Wiedersehen immer wieder Geschichten von früher aus.

Pal konnte damals nicht verstehen, dass ich von Hertha zu 1860 München gegangen bin und sagt mir heute noch, dass das der größte Fehler meiner Karriere war. Und damit hat er sicher nicht ganz unrecht. Wir waren damals ein eingeschworener Haufen und fast du ganze Mannschaft war ein großer Freundeskreis. Das war die schönste Zeit meiner Karriere.

Michél Dinzey // Linkes Mittelfeld

In meiner Karriere war sicher mehr drin als rund 160 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga. Die Trainer hatten es nicht einfach mit mir, weil ich faul und launisch war und mich viel zu leicht von den wesentlichen Dingen habe ablenken lassen. Viele Trainer sind an mir verzweifelt, weil selbst die disziplinarischen Maßnahmen auf Dauer nichts gebracht haben. Ich dachte lange Zeit, dass ich mich auf meinem Talent, meiner Technik und meiner Laufstärke ausruhen kann, bin damit aber bei 1860 München unter Werner Lorant an meine Grenzen gestoßen. Erst als ich eine Weile ohne Verein dastand, habe ich angefangen, den Fußball als professionellen Beruf zu verstehen und dementsprechend zu leben und zu handeln.

Ersatzmann: Fabian Boll, FC St. Pauli

Bei meiner Rückkehr nach St. Pauli wollte ich meine alte Rückennummer 17 wiederhaben. Mir wurde aber schnell klar, dass ich es nicht bringen kann, Fabian als lebende St.-Pauli-Institution die Nummer 17 streitig zu machen und habe daraufhin die 6 genommen. Zwischen uns beiden war sofort eine Chemie da, sodass wir zu Freunden wurden.

Der »Bulle« hat nicht nur bei den Fans Kultstatus gehabt, sondern war auch in der Mannschaft hoch angesehen. Er hat sich für den Zusammenhalt der Mannschaft starkgemacht, war sich auf dem Platz nie für die Drecksarbeit zu schade und hatte reichlich gute Sprüche auf Lager. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mal schlechte Laune hatte – außer natürlich, wenn wir verloren haben. Lediglich über seinen Musikgeschmack – ich sage nur: Andrea Berg – lässt sich streiten.

Thomas Hässler // Zentrales Mittelfeld // TSV 1860 München

Fußballerisch konnte kaum jemand »Icke« das Wasser reichen. Ihn Fußball spielen zu sehen, war eine Augenweide. Im Training war es bei Eins-gegen-Eins-Situationen fast unmöglich, ihn vom Ball zu trennen. Da hat der liebe Gott ihm eine besondere Gabe mitgegeben. Es war ein großes Vergnügen, nach dem eigentlichen Training mit ihm noch Flanken- und Torschusstraining zu machen.

In der Mannschaft kam Icke sehr gut an. Er war ein Führungsspieler, ohne ein Lautsprecher zu sein oder regelmäßig die Öffentlichkeit zu suchen.

Ersatzmann: Kjetil Rekdal, Hertha BSC

Kjetil war langsamer als eine Schnecke, aber hatte eine blitzsaubere Technik und konnte gute Standards treten. Außerdem war er ein echter Mann auf dem Platz! Aus seiner Heimat Norwegen hat er sich immer Unmengen an Snus-Tabak mitgebracht. Ich kenne niemanden, der sich gleichzeitig so viele Snus-Beutelchen auf einmal in den Mund geschoben hat.

Später haben sich unsere Wege wieder gekreuzt, als Kjetil mich für ein halbes Jahr zu Vålerenga Oslo geholt hat, wo er mittlerweile Trainer war und wir dort zusammen in die 1. Liga aufgestiegen sind.

Jan Simak // Sturm // Hannover 96

Jan war ein Jahrhunderttalent, Typ Straßenfußballer. Es war unfassbar, was der Junge draufhatte! Mit seinen Fähigkeiten hätte er eigentlich bei einem absoluten Spitzenclub landen müssen.

Es ist bekanntlich anders gekommen, weil er sein Leben nicht in den Griff bekommen hat. Seine Spiel- und Alkoholsucht hat leider vieles kaputt gemacht. Manchmal tauchte er einfach nicht zum Training auf, obwohl ihm der Verein eine Art Aufpasser zur Seite gestellt hat. Außerdem hatte Jan ein merkwürdiges Verhältnis zu Geld. Er kam im Jogger auf Partys und hatte unfassbar viel Bargeld in seiner Trainingsjacke. So locker wie er damit umgegangen ist, konnte man sehen, dass es ihm eigentlich gar nicht wichtig war. Aber wer so unvorsichtig damit umgeht, lockt auch schnell die falschen Leute an. Menschlich war Jan super. Umso tragischer, dass er die Kurve nicht bekommen hat.

Ersatzmann: Axel Kruse, VfB Stuttgart

Axel ist ein witziger und cooler Typ, doch bei einem meiner ersten Trainingsspiele beim VfB sind wir gleich übel aneinander geraten. Ich spielte mit ihm im Team, als er im Angriff den Ball verloren und nicht nachgesetzt hat, sodass ich ihm zugerufen habe, dass er gefälligst mit zurücklaufen soll. Auf einmal dreht sich Axel zu mir um und brüllt über den ganzen Platz: »Halt die Fresse! Was glaubst du eigentlich, wer du bist?« Thomas Berthold hat dann wiederum Axel angeschrieben: »Lass den Jungen in Ruhe! Außerdem hat er ja Recht!« (lacht).

Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und sind später zusammen für vier Tage nach Las Vegas zum legendären Box-Kampf von Mike Tyson und gegen Evander Holyfield geflogen. Wir waren in der Halle, als Tyson Holyfield ein Stück vom Ohr abgebissen hat!

Video: Mike Tyson beißt Evander Holyfield ins Ohr

Fredi Bobic // Sturm // VfB Stuttgart

Fredi kam von den Stuttgarter Kickers und ist gleich voll eingeschlagen. Er war zwar keiner, der erst drei Leute ausgedribbelt und dann den Torwart überlupft hat, aber wie er die Bälle reingemacht hat, war technisch auf dem allerhöchsten Niveau. Ob in Stuttgart, in Hannover, bei der Hertha oder bei den Bolton Wanderers – mit seiner Kaltschnäuzigkeit hat er überall seine Buden gemacht. Und trotz seiner Erfolge ist er nie abgehoben.

Ersatzmann: Daniel Teixeira, Eintracht Braunschweig

»Texas« konnte keinem weglaufen, aber er wusste, wo das Tor steht. Er war ein Knipser der alten Schule. In Braunschweig hatten wir damals eine positive Chaoten-Truppe, in der sein brasilianischer Landsmann Alex da Silva und er die beiden größten Spaßvögel waren.

Giovane Elber // Sturm // VfB Stuttgart

Als ich 1994 nach Stuttgart ging, kam auch Giovane zum VfB. Er war eine Granate und wurde sofort unumstrittener Stammspieler. Während der WM 1994 waren wir im Sommertrainingslager und sein Zimmer lag neben meinen. Als Brasilien Weltmeister wurde, hat man seine Jubelschreie durchs ganze Hotel gehört.

Einmal musste ich ihn nachts aus dem Bett klingeln, als ich im Winter auf dem Weg zu meinem Zivildienst in aller Herrgottsfrühe mit meinem Auto auf einer glatten, abschüssigen Straße unweit von seinem Haus in den Graben gefahren bin. Zusammen mit einem Landwirt in dem Dorf hat er mir dann geholfen, meinen Wagen aus dem Graben zu ziehen. Seitdem muss ich mir von Giovane anhören, dass ich kein Auto fahren kann. (lacht)

Ersatzmann: Fritz Walter, VfB Stuttgart

Während der Stern von Fredi Bobic und Giovane Elber beim VfB aufging, neigte sich die Zeit von Fritz Walter allmählich dem Ende entgegen. Er ist bis heute ein VfB-Idol und war ein wichtiger Grund, warum ich mich auf Anhieb in Stuttgart wohlgefühlt habe. Auch wenn er verletzt ausfiel, war er nah dran an der Mannschaft und hat sich um andere gekümmert.

Karriere-Insights von Michél Dinzey

Mein bester Trainer

Viele Trainer hatten so ihre Schwierigkeiten mit mir, aber mit Jürgen Röber bin ich super ausgekommen, auch wenn wir uns manchmal richtig gefetzt haben. Wir haben eine besondere Verbindung, weil er mich in Stuttgart zum Profi gemacht und mich später nach Berlin geholt hat.

Er war eine Art Ziehvater für mich und hat mir regelmäßig in den Hintern treten müssen. Er wusste besser als alle anderen Trainer, mit mir umzugehen. Zur Strafe hat er mich zum Beispiel mal in einem im Zweitligaspiel gegen Fortuna Köln als Innenverteidiger aufgestellt, damit ich mal über meine Körpersprache nachdenke. Der Lerneffekt war in dem Fall aber nur bedingt da, weil das eins meiner besten Spiele für die Hertha war. (lacht)

Mein Weg zum Profi

Als Spieler vom Berliner VfB Lichterfelde bekam ich ein Probetraining beim VfB Stuttgart vermittelt. VfB-Coach Röber hat meine Art Fußball zu spielen gefallen und mich zum Vertragsamateur gemacht. Als 20-Jähriger auf einmal mit Leuten wie Thomas Berthold, Fritz Walter, Wiggerl Kögl, Eike Immel und Carlos Dunga auf dem Platz zu stehen, fühlte sich gut aber auch etwas merkwürdig an. Kurios war dabei auch, dass ich zwar die Namen der meisten Spieler kannte, aber nicht wusste, wie sie aussehen, weil ich die Bundesliga als Kind und Jugendlicher vor allem am Radio und nur selten im Fernsehen verfolgt habe.

Mein erstes Spiel für den VfB war gleich im Deutschen Supercup gegen die Bayern und ich hatte einen Spezialauftrag: Superstar Lothar Matthäus ausschalten! Wir haben zwar 1:2 verloren und ich musste verletzt ausgewechselt werden, aber nach dem Spiel waren alle zufrieden mit mir. So wurde ich schnell Teil des Teams.

Mein fataler Wechsel zum TSV 1860 München

Für mich ging es die ersten Jahre im Profifußball immer nur aufwärts. Ich wurde Profi beim VfB und war sowohl auf St. Pauli unter Uli Maslo als auch bei Hertha unter Röber Stammspieler. Damals kam sogar der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder auf mich zu und riet mir, mich nicht vorschnell für eine Länderspielkarriere für den Kongo zu entscheiden, weil er mir auf Dauer den Sprung in die Deutsche Nationalmannschaft zutrauen würde.

Nachdem es bei Hertha so gut lief und ich in der Zwischenzeit bereits ein Angebot von Benfica Lissabon ausgeschlagen hatte, wollte ich den nächsten Schritt machen und bin zum TSV 1860 München gewechselt, der damals ein etablierter Bundesligist war. Der Transfer hat sich für mich jedoch als kapitaler Fehler herausgestellt. Der Verein hat zwar eine hohe Ablösesumme für mich auf den Tisch gelegt, aber Trainer Werner Lorant konnte mit meiner Spielweise nicht viel anfangen. Die Situation war etwas kurios: Ich habe so gut und so viel trainiert wie nie zuvor, spielte sportlich aber nur eine Nebenrolle.

Das hat mich auf den harten Boden der Realität zurückgeholt. Weil ich damals zudem noch familiäre Probleme hatte, wurde der Alkohol langsam aber sich zu meinem besten Freund. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich mich aus meinem Karrieretief herausgearbeitet habe.

Mein Comeback als Fußballer

Nach einer unglücklichen Saison bei Hannover 96 und meinem kurzen Abstecher nach Norwegen stand ich ohne Verein da. Ich werde Eintracht Braunschweig immer dankbar sein, dass sie mir eine neue Chance im deutschen Fußball gegeben haben! Leider sind wir dort in meinem ersten Jahr aus der 2. Liga abgestiegen, aber weil ich dem Verein etwas zurückgeben wollte, bin ich auch in der 3. Liga geblieben.

Als ich dann ein Angebt von St. Pauli bekam, konnte ich das aber nicht ablehnen. Dort hatte ich meinen zweiten Frühling. Ich wurde ein wichtiger Teil einer außergewöhnlichen Mannschaft. Wir sind in die 2. Liga aufgestiegen und im DFB-Pokal bis ins Halbfinale gekommen, wodurch der Verein seinen bedrohlichen Schuldenberg auf einen Schlag tilgen konnte. Unser dramatischer 4:3-Sieg im Pokalspiel gegen meinen Ex-Verein Hertha war das emotionalste Spiel meiner Karriere!

Video: Michel Dinzey erzielt 2005 im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Hertha BSC das Anschlusstor zum 1:2

Rassismus im Fußball und in der Gesellschaft

Das Thema Rassismus begleitet mich schon mein Leben lang. Ich bin in Berlin im Block mit Kindern mit den verschiedensten Nationalitäten aufgewachsen. Da gab es regelmäßig Spannungen. Im Fußball gab es Rassismus auch schon immer, in der breiten Öffentlichkeit fand es aber erst spät Beachtung. Ich freue mich, was für eine bunte Nationalmannschaft wir heute haben. Das wäre früher undenkbar gewesen.

Ich habe Erdbeben in Haiti, Überschwemmungen in Pakistan und Kriege in Kongo erlebt. Den Menschen in Europa ist oft gar nicht bewusst, wie gut es ihnen geht. Dass viele von ihnen auf die Schwächsten der Gesellschaft losgehen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, ist für mich unbegreiflich.

Mein Engagement für den Bananenflankenliga e. V.

Ich bin mir bewusst, dass Fußball-Profis ein sehr privilegiertes Leben haben und viele andere Menschen weniger Glück im Leben hatten und auf Hilfe angewiesen sind. Ich habe mich daher aus Überzeugung schon oft für Benachteiligte engagiert, unter anderem als Sportlehrer in einem Hamburger Jugendknast. Mein Herzensprojekt ist aber der Bananenflankenliga e. V., der sich für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen einsetzt, die dank der Initiative in einer eigenen Liga Fußball spielen. Um das Projekt zu finanzieren, tragen Teams um Ex-Profis wie Tobias Schweinsteiger, Torben Hoffmann, Benny Lauth und ich regelmäßig Spiele gegen unterklassige Vereine aus und sammeln auf diese Weile Spenden dafür ein. Jeder Euro hilft und kommt bei den Bedürftigen an!

Meine Karriere nach der Karriere

Seit meinem Karriereende 2008 habe ich unter anderem als TV-Experte bei Fußballübertragungen, Berater, Scout und Trainer gearbeitet. Zuletzt war ich als Nationaltrainer von Antigua und Barbuda tätig. Mich reizen die Abenteuer und neue Erfahrungen.

Werdegang von Michél Mazingu-Dinzey

JahreVereinSpiele (Tore)
1994 – 1995VfB Stuttgart14 (0)
1995 – 1996FC St. Pauli30 (0)
1996 – 1998Hertha BSC60 (6)
1998 – 2000TSV 1860 München15 (1)
2000 – 2001Hannover 9613 (2)
2001 – 2002Válerenga Oslo10 (1)
2002 – 2004Eintracht Braunschweig66 (14)
2004 – 2007FS St. Pauli88 (24)
2007 – 2008Holstein Kiel10 (1)

Die Traumelf weiterer Fußball-Legenden