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Fabian Boll war über viele Jahre Publikumsliebling und Gesicht des Kiezklubs. Hier stellt er nicht nur seine Traumelf aus St.-Pauli-Legenden vor, sondern hat für jede Position noch einen Ersatzmann parat. Dabei erinnert er sich unter anderem an die große Fresse von Max Kruse, seine Sozialarbeit für Deniz Naki und den inneren Schweinehund von Marius Ebbers. Außerdem blickt der »Boller« auf seine Zeit am Millerntor zurück, lässt die umjubelten Aufstiege Revue passieren und spricht über sein besonderes Verhältnis zu Ex-Trainer Holger Stanislawski.

Die Traumelf von Fabian Boll

Taktische Aufstellung


Fabian Boll über…

Patrik Borger // Torwart

Patrik ist einfach ein geiler Typ und war ein Torwart, der alles für die Mannschaft gegeben hat, selbst wenn er auf der Bank saß. Von seinen Leistungen reizte »Paddy« das komplette Spektrum aus, was die Noten der Sportjournalisten hergaben: Von 1 Plus mit Sternchen bis zu folgenschweren unglücklichen Aktionen war bei ihm alles drin.

Dazu passte auch sein mordsmäßiger Einstand: In unserem legendären Spiel in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen München hat Paddy die Bayern mit mehreren Glanzparaden zur Verzweiflung gebracht, bis er sich kurz vor Ende der Verlängerung eine relativ harmlose Flanke von Philipp Lahm ins eigene Tor gelenkt hat und wir dadurch ausgeschieden sind.

Video: Highlights vom DFB-Pokalspiel St. Pauli gegen Bayern München 2006

Als wir in der Saison 2006/07 in die 2. Liga aufgestiegen sind, war Paddy in der Rückrunde unser großer Rückhalt. Und gut feiern konnte er auch: Auf unserer Saisonabschlussfahrt nach Mallorca hat er die Scherpe »Tagesvollster« mit Würde präsentiert. (lacht)

Ersatztorwart: Benedikt Pliquett

Mit Bene habe ich mir bei Auswärtsfahrten lange das Zimmer geteilt, auch wenn wir kaum unterschiedlicher sein könnten. Ich, der rechtschaffene Beamte, und der verrückte Bene, der nach seiner Karriere nun Sexshops und Kneipen auf dem Kiez betreibt. Doch so unterschiedlich die Charaktere in unserer Mannschaft auch waren, wir hatten immer Respekt voreinander und einen gemeinsamen Nenner: die Liebe zum Klub.

Florian Lechner // Rechter Verteidiger

Florian ist einer der Typen, mit denen ich aus meinen Jahren bei St. Pauli emotional am meisten verbinde. Er war fußballerisch nicht die feine Klinge, aber hat die absolute Leidenschaft auf den Platz gebracht. Es war einfach mega, wie er in jedem Spiel die rechte Seite hoch und runter marschiert ist. Eine Maschine, die nicht kaputt zu kriegen war. Unvergessen sein Tor im DFB-Pokal gegen Hertha BSC, als er die Pille in der Verlängerung von Krämpfen geplagt aus 25 Metern zum umjubelten 3:3-Ausgleich in die Ecke gewemmst hat.

Video: Traumtor von Florian Lechner im Pokal gegen Hertha BSC

Ersatzmann: Moritz Volz

Moritz kam aus England zu uns und hat richtig viel Qualität mitgebracht. Mindestens genauso gut war sein englischer Humor. Als Spieler und mit seiner Art war »Volzi« ein echter Gewinn für unsere Mannschaft. Außerdem wusste er mit seinem Kostüm beim Einstandsabend auf der Reeperbahn zu überzeugen!

Bastian Oczipka // Linker Verteidiger

Bastian ist sicherlich der beste Linksverteidiger, mit dem ich auf St. Pauli zusammengespielt habe! Er war in der Rückrunde 2009/10 ein ganz wichtiger Mosaikstein für unseren Aufstieg in die 1. Bundesliga. Er war damals noch blutjung, doch mit seiner Power und Dynamik auf der linken Seite war er auf Anhieb eine große Verstärkung. Unsere Mannschaft ist zwar direkt wieder abgestiegen, doch Basti ist in der 1. Bundesliga geblieben und später für Frankfurt und Schalke ein ganz wichtiger Spieler geworden.

Ersatzmann: Ralph Gunesch

Mit Ralph habe ich viele Jahre zusammengespielt und wir hatten eine super Zeit miteinander. »Felgenralle« ist einfach ein einwandfreier Typ! Er hat zwar nicht gerne linker Verteidiger gespielt, aber in meiner Traumelf muss er sich meiner Aufstellung fügen. Auf dieser Position hat er auch das so ziemlich einzige Tor für uns geschossen, als wir in der 2. Liga mit 3:1 gegen die Truppe aus Hoffenheim gewonnen haben, die ein Jahr später mit fast der identischen Mannschaft Herbstmeister in der Bundesliga geworden ist.

Fabio Morena // Innenverteidiger

Mit keinem anderem habe ich so oft gemeinsam auf dem Platz gestanden wie mit Fabio. Wir haben alle große Momente gemeinsam erlebt, vor allem die beiden Aufstiege und die siegreichen Pokalschlachten! Weil er eine Kapitänsbinde in italienischen Landesfarben trug, haben wir ihn »Capitano« getauft. Er war ein eher ruhiger Kapitän, doch als wir den Aufstieg in die 2. Liga kurz vor Saisonende klarmachen konnten und zur Halbzeit gegen Rot Weiß Erfurt nicht auf Kurs waren, ist er in die Kabine mal so richtig laut geworden. Das kannten wir nicht von ihm, es hat seine Wirkung aber nicht verfehlt. Damit hatte er uns wachgerüttelt und wir haben das Spiel klar gewonnen!

Was Fabio gesagt hat, hatte Hand und Fuß. Nur wenn er zusammen mit Marcel Eger die Innenverteidigung gebildet hat, wurde es anstrengend: Die beiden haben sich 90 Minuten auf dem Platz gegenseitig den Fußball erklärt und sich dabei ihre Fehler vorgehalten. In den Spielen habe ich mich dann vermehrt in die Offensive eingeschaltet, um mir deren Gequatsche nicht anhören zu müssen. (lacht)

Ersatzmann: Markus Thorandt

Markus war eine absolute Maschine und mit seiner Einstellung ein echtes Vorbild. Seine Ruhe und Abgeklärtheit hatten eine positive Wirkung auf unsere ganze Mannschaft. Außerdem gab es an ihm kaum ein Vorbeikommen – und wenn doch, dann schafften es nur Ball oder nur Gegner, aber nicht beide!

Carlos Zambrano // Innenverteidiger

Kampfmaschine Carlos kam von Schalke zu uns und war eigentlich zu gut für St.-Pauli-Verhältnisse, wie man an seinen späteren Vereinen Frankfurt, Rubin Kasan und Dynamo Kiew sowie seinen 52 Länderspielen für Peru ablesen kann. Carlos ist keinem Zweikampf aus dem Weg gegangen, wandelte oft am Rande einer Roten Karte und hat dem Zeugwart meist das dreckigste Trikot hinterlassen.

Außerhalb des Platzes war er ein ebenso liebenswürdiger wie verrückter Typ. Er hat bei Auswärtsspielen regelmäßig nachts noch drei Club-Sandwiches aufs Zimmer liefern lassen. Zum Training kam er morgens meist auf den allerletzten Drücker und hat sich dann als Frühstück in der Kabine noch schnell eine Mandarine geschält. Mit gesunder Ernährung hatte das alles nicht viel zu tun, aber auf dem Platz hat er abgeliefert, und darauf kam es letztlich an!

Ersatzmann: Lasse Sobiech

Lasse war nur ein Jahr bei uns, doch hat uns als Leihspieler von Borussia Dortmund schnell weitergeholfen. Er hatte einen bärenstarken Einstand und wurde dann leider von einer Verletzung gestoppt. Seine Spieleröffnung von hinten heraus war wahnsinnig gut und beim Kopfballspiel hat ihm sowieso niemand etwas vorgemacht.

Hauke Brückner // Defensives Mittelfeld

In der Saison 2007/08 gerieten wir zum Ende der Hinrunde nach einer herben Niederlage gegen Holstein Kiel in Abstiegsgefahr. Nach dem Spiel haben wir alles auf den Prüfstand gestellt und Hauke und ich haben fortan zusammen auf der Doppelsechs gespielt. Wir wurden zu einem kongenialen Gespann und haben die nächsten zwölf Spiele nicht verloren, darunter die Pokalspiele gegen den VfL Bochum und Hertha BSC. In dieser Zeit wurde Hauke mein Lieblingspartner im defensiven Mittelfeld.

Hauke war immer auf Temperatur. Wenn es ums Gewinnen ging, war er das Biest schlechthin, egal ob beim Fußball oder beim Mau Mau! Unnachahmlich waren auch seine Waden, die so muskulös waren, als ob jemand darin Tennisbälle eingenäht hätte. Heute ist er in der Medienabteilung von St. Pauli tätig.

Ersatzmann: Matthias Lehmann

Was Matze in seinem ersten Jahr bei uns abgeliefert hat, war nah an der Perfektion. Damit hatte er maßgeblichen Anteil an unserem Aufstieg in die 1. Bundesliga. Genau so einen Typen hat unser Team damals gebraucht. Er hatte ein unbändiges Selbstvertrauen und war gleichzeitig Abräumer, Stratege und torgefährlich.

Nur verlieren konnte Matze partout nicht, dann war er unausstehlich. In der Kabine saß er neben mir. Selbst nach einer Niederlage im Trainingsspiel brauchte ich ihn nicht ansprechen, vor allem wenn ich in der Gewinnermannschaft war. (lacht)

Timo Schultz // Defensives Mittelfeld

Timo wurde eigentlich für die 2. Mannschaft verpflichtet, hat jedoch die Vorbereitung bei der ersten Mannschaft mitgemacht und die Chance genutzt. Er war kein großer Techniker, hat aber immer Vollgas gegeben und damit genau den Spirit verkörpert, den eine Mannschaft braucht, um mehr zu erreichen, wozu sie von der Qualität der einzelnen Spieler eigentlich in der Lage wäre.

Selbst als »Schulle« später nur noch wenig Einsatzzeiten hatte, blieb er ein enorm wichtiger Teil der Mannschaft. Als Mutter unserer Kompanie hat er den Laden zusammengehalten und sich um alles gekümmert, was es zu organisieren gab: Mannschaftskasse, Geschenke, Mannschaftsfeiern, Team-T-Shirts und vieles mehr.

Ersatzmann: Fabian Boll

Um meinen alten Kollegen keinen Platz in meiner Traumelf wegzunehmen, setze ich mich freiwillig auf die Bank, auch wenn ich so einen großen Ehrgeiz hatte, dass ich immer spielen wollte.

Florian Bruns // Rechtsaußen

Florian war für mich der Prototyp eines Außenspielers: schnell, dribbelstark und mit Ruhe am Ball. Außerdem hatte er den Arjen-Robben-Move drauf: Einen Haken schlagen, nach innen ziehen und dann mit seinem überragenden linken Fuß abschließen.

Nach unserem Aufstieg in die 1. Bundesliga bestand ein großer Teil unseres Kaders noch aus Spielern, die schon in der 3. Liga dabei waren. Als Flo dann zu uns kam, haben uns seine Qualität, seine positive Art und seine Erfahrung aus seinen Stationen Freiburg, Aachen und Union Berlin auf dem Niveau daher enorm gut getan! Nur seine Frisur hat uns gestört. Wenn »Helmut« nicht alle zwei Wochen zum Frisör gegangen wäre, hätte er auch als einer der Jackson 5 durchgehen können. (lacht)

Ersatzmann: Michél Mazingu-Dinzey

Michél, der große Schweiger, wurde von unseren Fans in die Jahrhundert-Elf gewählt, wobei wir ihn in Verdacht hatten, dass er bei dem Voting im Internet selbst fleißig für sich abgestimmt hat. (lacht) Aber letztlich lag es wohl tatsächlich daran, dass er uns mit seinen entscheidenden Toren bis ins DFB-Pokal-Halbfinale geschossen hat. Durch die damit erzielten Einnahmen hatte er einen großen Anteil daran, dass der Verein wieder wirtschaftlich auf die Beine gekommen ist.

Fin Bartels // Linksaußen

Fin war ein bescheidener und zurückhaltender Typ mit einem trockenen Humor, doch sobald er nur am Alkohol genippt hat, ist er abgegangen wie Schmidts Katze. Auf den Mannschaftsfeiern haben wir uns daher gefragt, ob er einen Zwillingsbruder geschickt hat.

Fußballerisch war Fin eine absolute Granate. Im Training ist er zwar nicht durch besonderen Fleiß aufgefallen, aber im Spiel hat er ein unglaubliches Pensum abgespult. Vor allem sein Zusammenspiel mit Max Kruse war der Wahnsinn. Einmal haben die beiden bei einem Konter im Alleingang die ganze Mannschaft von Eintracht Frankfurt auseinandergenommen. Das Tor habe ich mir sicher schon 100 Mal auf Video angeschaut!

Video: Perfektes Zusammenspiel von Fin Bartels mit Max Kruse

Ersatzmann: Deniz Naki

Deniz war eigentlich ein ganz lieber Kerl, aber auch reichlich unbedarft. Gefühlt war ich jahrelang sein Sozialarbeiter! Nicht nur einmal hat er mich nachts um 2 Uhr angerufen und aus dem Schlaf gerissen, weil er irgendeine Frage hatte oder mal wieder Hilfe brauchte. Aber das habe ich gerne gemacht, denn ich mochte ihn sehr und wir hatten einen engen Draht zueinander. Er war grundehrlich und hat immer das gesagt, was er auch gedacht hat. Das gibt es im Fußball nur noch selten.

Als Fußballer lagen Genie und Wahnsinn bei Deniz dicht beieinander. Er hat rotzfrech gespielt, und konnte an guten Tagen drei Leute auf dem Bierdeckel ausspielen. Gleichzeitig war er aber auch ein Bruder Leichtfuß.

Max Kruse // Offensives Mittelfeld

Max hatte schon mit Anfang 20 genau so eine große Fresse wie heute. (lacht) Es steckte aber auch was dahinter, denn er hat seinen Worten Taten folgen lassen. Er ist sicher einer der besten Spieler, die jemals für St. Pauli gespielt haben! Dabei hatten wir zunächst Zweifel, ob ein Drittligaspieler von Werder II uns überhaupt weiterhelfen kann. Doch Max hat schnell gezeigt, was für eine Qualität er hatte. Vor allem nachdem Trainer André Schubert ihn auf die Zehnerposition gestellt hat, kamen seine Stärken voll zum Tragen.

Im Sprint war Max zwar noch langsamer als die Torhüter, aber er hatte eine Pferdelunge und ist im Spiel 90 Minuten unterwegs gewesen, ohne auch nur ansatzweise müde zu werden. Zum Frühstück hat er sich gerne vier Nutella-Brötchen reingehauen und kam nach der Sommerpause mit Rettungsringen zum Trainingsauftakt, aber in den Spielen hat er abgeliefert. Es tat verdammt gut, so einen Typen im Team zu haben, der beim Elfmeter in der 91. Minute total angstfrei und total sich überzeugt an den Punkt gegangen ist, um den Ball trocken ins Tor zu hauen. Ich schätze Max sehr dafür, dass er sich in all den Jahren als Profi nicht verändert und sich in diesem verrückten Fußball-Business seine Lockerheit bewahrt hat.

Ersatzmann: Charles Takyi

»Sir« Charles war einer der Triebfedern für unsere Rückkehr in die 2. Liga. Er hat in der Aufstiegssaison viele ganz wichtige Tore für uns geschossen und war in unserem Team voller Holzhacker wie Lechner, Schultz und Boll die feine Klinge.

Ich weiß noch, wie wir in der Saison 2007/08 in der 3. Liga zur Winterpause abgeschlagen auf Platz 12 lagen. Dann kam es zum Trainerwechsel von Andreas Bergmann zu Holger Stanislawski. In der Winterpause haben wir unter »Stani« das härteste Trainingslager unseres Lebens absolviert. Damals haben Charles und ich uns geschworen, dass wir die Dinge in der Rückrunde auf dem Platz in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass St. Pauli wieder in die 2. Liga aufsteigt. So kam es dann auch. Wir haben eine unglaubliche Aufholjagd gestartet und sind sogar noch als Erster aufgestiegen.

Marius Ebbers // Sturm

Marius Qualitäten und mein Willen, das wäre die perfekte Mischung. Wenn man uns gepaart hätte, wären wir jeden Mittwochabend um 20:45 Uhr in den großen Arenen Europas aufgelaufen. Aber ich war fußballerisch limitiert und er konnte sich nicht lange quälen. Vor allem, wenn es bei ihm nicht so lief, hat »Ebbe« seinen inneren Schweinehund nicht überwunden bekommen, sondern sich lieber Pizza und Schokolade reingezogen statt in den Kraftraum zu gehen. So war er auch Mitglied des »Fett-Klubs«. Darin waren alle, die mehr als 12 Prozent Körperfett hatten und daher Extra-Schichten schieben mussten. Doch weil auch unsere anderen treffsicheren Stürmer wie Mahir Saglik, Max Kruse und Rouven Hennings dazu gehörten, lautete deren Gegenargument immer »Fett schießt Tore!«. (lacht)

»Ebbe« war ein Vollblutstürmer und hat in unserer Aufstiegssaison 20 Tore geschossen. Daher rührt der Running Gag, dass wir ihm bei jeder Gelegenheit »Danke Marius« sagen, weil wir Unwürdigen nur dank seiner Tore das Privileg genießen durften, ein Jahr lang in der 1. Bundesliga zu spielen. Das wäre lustig und charmant, wenn es von uns gekommen wäre, doch nein: »Ebbe« hat das von sich aus eingefordert! (lacht). Nach meinem Karriereende haben wir Kontakt gehalten und drei Jahre später eine Weile das Trainergespann von Victoria Hamburg gebildet.

Ersatzmann: Rouven Hennings

Auch Rouven ist ein großartiger Typ. Er und Marius haben sich in der Aufstiegssaison den Stürmerjob geteilt. Als Joker hat er in der Saison über zehn Tore gemacht und war damit ein ganz wichtiger Teil unserer Mannschaft. Seine größte Stärke war sein übertriebener linker Schuss, mit dem er einem das Licht ausknipsen konnte. Er hatte Oberschenkel wie Hydranten! Man könnte meinen, dass seine Beine als Kind in den Zaubertrank von Mirakulix getaucht wurden.

Karriere-Insights von Fabian Boll

Video: Die schönsten Tore von Fabian Boll

Mein bester Trainer

Ich hatte viele richtig gute Trainer. Sei es Andreas Bergmann, der mich von den Amateuren zu den Profis befördert hat, Michael Fronzeck, der eine überragende Mannschaftsführung hatte oder André Schubert, der mich fußballerisch auf ein neues Niveau gebracht hat. Aber Holger Stanislawski steht für mich über allem.

Stani hat den Verein gelebt wie kein Zweiter und war schon mein Idol, als ich ihn am Millerntor als Fan in der Kurve angefeuert habe. Seine Leidenschaft war ansteckend. Ich habe jedes Wort von ihm aufgesogen. Er war eine Respektsperson und konnte richtig sauer werden, hat einen aber auch mal in dem Arm genommen, wenn man Zuspruch brauchte.

Seine große Stärke war es, sich bei aller Professionalität die Lockerheit zu bewahren und uns zu vermitteln. Stani wusste genau, wie er uns anpacken musste. Ein Paradebeispiel was das vorentscheidende Spiel gegen Greuther Führt vor unserem Aufstieg in die 1. Liga. Vor dem Spiel dröhnte in der Mittagspause auf einmal »Looking for Freedom« durchs Hotel. Alle steckten ihren Kopf aus dem Zimmer, um zu sehen, welcher Vollidiot den Song so laut aufgedreht hatte. Marius Ebbers war der Übeltäter und rief übern Flur, dass das der Song ist, mit dem wir nach dem Spiel unseren Aufstieg feiern würden!

Als wir in der Halbzeit des Spiels zurücklagen, hielt Stani die kürzeste Ansprache aller Zeiten. Statt große Worte zu schwingen, sagte er nur: »Ebbe, mach’ das Lied an!« Wir hörten den Song, sind zurück auf den Platz und haben noch vier Tore geschossen. Die Rückfahrt im Bus war legendär!

Meine Aufstiege mit dem FC St. Pauli

Der Aufstieg in die 2. Liga hatte für mich einen höheren Stellenwert als der in die 1. Liga. Zum einen war es der emotionalere Aufstieg, nachdem wir in der Rückrunde eine grandiose Aufholjagd hingelegt hatten. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie am Saisonende nach unserem Sieg im Weserstadion gegen Werder II 10.000 Pauli-Fans »Spitzenreiter, Spitzenreiter« riefen. Zum anderen war es für den Verein der wichtigere Aufstieg, weil er dadurch in Kombination mit den Einnahmen aus dem Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale aus einer bedrohlichen finanziellen Schieflage gerettet wurde. Die Erinnerung daran, wie wir mit 80.000 Fans auf der Reeperbahn gefeiert haben, werde ich immer in mir tragen.

Im Vergleich dazu war der Aufstieg zwei Jahre später in die erste Liga eher ein Bonus, einfach zum Genießen. Der Aufstieg kam nicht überraschend, weil wir die ganze Saison oben mitgespielt haben. Nach allem, was unsere Fans seit der Retter-Kampagne mit dem Verein durchgemacht haben, hat mich unsere Rückkehr in die 1. Liga vor allem für sie gefreut! Mit »Back from Hell« auf unseren T-Shirts und Zigarren im Mund standen wir auf dem Balkon und haben mit zigtausend Fans gefeiert.

Meine Vereinstreue

Es hätte schon einiges passieren müssen, dass ich St. Pauli für einen anderen Verein verlassen hätte, auch wenn die Vereine nicht gerade bei mir Schlage standen. Meine Verträge habe ich in den ersten Jahren noch ohne Berater per Handschlag mit Stani besiegelt.

In Hamburg hatte ich einfach alles: meine Familie, meine Freunde, meinen Job, meinen Herzensverein und die Fans am Millerntor. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, nur wegen ein bisschen mehr Geld woanders hinzugehen. Abgesehen davon hätte ich woanders womöglich nicht so gut funktioniert, denn die starke Gemeinschaft auf St. Pauli kam mir absolut entgegen. Es gibt genug Beispiele von Spielern, die unser Kollektiv verlassen haben und dann nicht mehr so erfolgreich waren.

Mein Abschiedsspiel

Bei jedem Namen aus meiner Traumelf schießen mir viele Bilder in den Kopf. Es weckt auch Erinnerungen an mein Abschiedsspiel mit meinen alten »Höllenhunden«. Für mich war es nach zwölf Jahren beim FC St. Pauli ein fantastischer Abschluss. Morgens sind wir mit einem Brunch gestartet und haben den ganzen Tag miteinander verbracht. Viele von uns treffen sich seitdem für ein Wochenende im Jahr bei meinem Kumpel »Fischi« im Keller und lassen die alten Tage noch einmal hochleben.

Video: Impressionen von Fabian Bolls Abschiedsspiel

Mein Halbtagsjob als Polizist

Ich bin erst spät Profi geworden und hatte vorher bereits eine Laufbahn als Kriminalbeamter eingeschlagen. Als Profi hat man relativ viel freie Zeit, sodass ich meinen Halbtagsjob bei der Polizei mit dem Fußball dank eines guten Zeitmanagements und verständnisvollen Kollegen auf der Dienststelle unter einen Hut bekommen habe.

Zum einen bestand für mich durch den Job bei der Polizei nie die Gefahr, abzuheben, denn dort bekommt man tagtäglich vor Augen geführt, dass es deutlich wichtigere Sachen als Fußball gibt. Zum anderen hat mir der Job vor allem gegen Ende meiner Karriere die Sicherheit gegeben und Druck genommen. Ich konnte immer befreit aufspielen, weil ich ein Netz mit doppeltem Boden hatte.

Auch jetzt als Trainer ist es so: Wenn meine Zeit im Fußballgeschäft morgen vorbei sein sollte, blicke ich auf eine wundervolle Karriere zurück, gehe wieder in den Staatsdienst, bin abgesichert und habe mehr Zeit für meine Familie. Das ist Gold wert und ich weiß, dass mich viele darum beneiden.

Werdegang von Fabian Boll

JahreVereinSpiele (Tore)
1998 – 2000Itzerhoer SC54 (13)
2000 – 2001TSV Lägerdorf32 (13)
2001 – 20021. SC Norderstedt32 (15)
2002 – 2003FC St. Pauli Amateure34 (14)
2003 – 2014FC St. Pauli273 (30)

Die Traumelf weiterer Fußball-Legenden

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