Holger Wehlage

Holger Wehlage

Ex-Bundesliga-Spieler Holger Wehlage hat in seiner abwechslungsreichen Karriere viele Höhen und einige Tiefen erlebt. Hier stellt er seine Traumelf aus früheren Mitspielern vor und erinnert sich dabei an den genialen Johan Micoud, das Double mit Werder Bremen sowie an seine Aufstiege mit dem FC St. Pauli, dem MSV Duisburg und Rot-Weiß Essen.

Die Traumelf von Holger Wehlage

Taktische Aufstellung

Holger Wehlage über…

Heinz Weber // Torwart // FC St. Pauli

Heinz kam vom FC Tirol Innsbruck als No-Name nach St. Pauli und hat nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Um in die 1. Bundesliga aufzusteigen, braucht man einen richtig guten Torwart – und das war Heinz! In der Aufstiegssaison 2000/2001 hat er sich bei uns schnell zum Stammkeeper aufgeschwungen. Mit seinen starken Reflexen, seinem herausragenden Stellungsspiel und seinen guten Sprüchen war er in dem Jahr eine der Säulen unserer Mannschaft. Nur mit dem Ball am Fuß konnte Heinz nicht sonderlich gut umgehen. Er brauchte allerdings eine Weile, bis er das endlich eingesehen hat. (lacht

Valerien Ismaël // Innenverteidiger // Werder Bremen

Nach meiner Rückkehr von Union Berlin zu Werder stieß Ismaël gleichzeitig mit mir zum Kader. Er war allen schnell klar, dass er eine große Persönlichkeit mit einer absoluten Siegermentalität war. Genauso beeindruckend war, wie schnell er sich integriert, deutsch gelernt und Verantwortung übernommen hat – auf und neben dem Platz. Wenn er zum Beispiel das Gefühl hatte, dass im Training geschludert wurde, hat er in den Zweikämpfen auch mal knallhart hingelangt. Dann war allen klar, dass wir die Zügel wieder anziehen mussten. 

Mladen Krstajić // Innenverteidiger // Werder Bremen

Unsere Innenverteidigung mit Ismael und Krstajić war ein wesentlicher Faktor für das Double 2004. Es war eine Augenweide, wie die beiden den Laden hinten zusammengehalten haben. Wenn Mladen Ansagen gemacht oder über Fußball gesprochen hat, habe ich damals als relativ junger Spieler gerne zugehört, denn seine Worte hatten immer Hand und Fuß. Wie Ismael war Mladen ein absoluter Leader. Gewissermaßen war er in Bremen auch der Boss unseres Balkan-Blocks mit Ivica Banovic und Ivan Klasnic.

Ronny Nikol // Linker Verteidiger // Union Berlin

Ronny war auf dem Platz ein guter Typ und neben dem Platz ein noch besserer. Wir haben erst bei Union Berlin und später noch bei Rot-Weiß Essen zusammengespielt. In Berlin hat er mir die Integration ins Team sehr erleichtert und mir beim Einleben in der Stadt geholfen. Wir haben uns so gut verstanden, dass wir zu unserer Zeit bei RWE sogar zusammen in einer WG gewohnt haben. 

Im Spiel war Ronny ein Dauerläufer, der 90 Minuten Gas gegeben hat. Ich habe nur wenige Fußballer kennengelernt, die ihre Leistung so konstant abgerufen haben wie er. Richtig schwache Spiele abgeliefert hat er so gut wie nie. Auch deswegen wird er selbst Jahre nach seinem Karriereende in Berlin noch von den Fans der Eisernen gefeiert – und das völlig zu Recht.

Dennis Brinkmann // Rechter Verteidiger // Eintracht Braunschweig

Dennis hat mein Karriereende eingeleitet, indem er mir bei einem Zweikampf im Training das Schien- und Wadenbein gebrochen hat. Das habe ich ihm aber nicht übel genommen, denn Verletzungen gehören zum Fußball dazu. Wir waren vorher befreundet und sind es auch danach geblieben. 

In Braunschweig war Dennis ein großartiger Kapitän. Er ist auf dem Platz vorweg gegangen, konnte unangenehme Dinge ansprechen und war ein wichtiger Faktor für unseren Mannschaftsgeist. Er hat sich sehr um seine Mitspieler gekümmert, indem er zum Beispiel mittags mit den neuen Spielern Essen gegangen ist oder mit seiner Frau Mannschaftsabende organisiert hat. Zudem hat er sich schützend vor andere Spieler gestellt, wenn es mal nicht so gut lief.

Stijn Haeldermans // Linkes Mittelfeld // Rot-Weiß Essen

Bevor Stijn zu RWE kam, war er ein Wandervogel, der fast jedes Jahr den Verein gewechselt hat. Er war eine echte Type und hatte einen ganz eigenen Stil, auf und neben dem Platz. Allein klamottentechnisch hat er eine gewisse Qualität nach außen getragen und ist zum Shoppen lieber nach Düsseldorf gefahren. (lacht)

Im linken Mittelfeld hat er einen verkappten Spielmacher gegeben und mit seinen Leistungen viel dazu beigetragen, dass wir 2006 mit RWE in die 2. Liga aufgestiegen sind. In schwierigen Phasen hat er mit seiner lockeren Art immer wieder gute Laune ins Team gebracht. 

Holger Wehlage // Rechtes Mittelfeld

Ex-Werder-Manager Klaus Allofs war in der Saison 1999/00 eigentlich nur am Millerntor, um Ivan Klasnic zu beobachten. Dabei bin ich ihm aber aufgefallen – und er hat mich gleich mitverpflichtet. Er sagte mir, dass es ihm gefallen hat, dass ich auf dem Platz ehrliche Arbeit abgeliefert habe und das Publikum mit meinem Kampfgeist und meinem Willen mitreißen konnte. Ich war ein Sprinter und hatte Vorbereiterqualitäten, doch meine Konditionswerte waren meist ziemlich mau. Mir ging im Spiel schon mal die Puste aus, sodass ich keiner war, der 90 Minuten Vollgas geben konnte. 

Mit meinem Engagement in den Zweikämpfen habe ich es jedoch einige Male übertrieben, mich dabei nicht geschont und dadurch einige Verletzungen erlitten. Ob Fuß, Arme, Leiste, Schulter, Beine – ich habe mir regelmäßig etwas gebrochen. Hier und da hätte ich es rückblickend etwas ruhiger angehen lassen sollen, doch wer weiß, ob ich es ohne diesen Einsatz überhaupt bis zum Profi-Fußballer gebracht hätte.

Markus Anfang // Defensives Mittelfeld // MSV Duisburg

Markus und ich sind 2005 zusammen mit Duisburg in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Bei den Auswärtsfahrten haben wir uns das Zimmer geteilt und viel über Fußball geredet. Während andere das Spiel aus der Emotion heraus beurteilen, konnte er die Dinge immer sehr sachlich analysieren.

Es hatte Sinn und Verstand, wenn er über Fußball gesprochen hat. Und so hat er auch gespielt. Ich hatte immer das Gefühl, dass er auf dem Platz genau wusste, was er macht. Markus hatte ein gutes Auge und eine feine Technik, konnte aber auch wie eine Bulldogge in den Zweikampf gehen und damit Zeichen setzen.

Ich rechne es Markus hoch an, dass er mir immer wieder den Rücken gestärkt hat, als es für beim MSV nicht so gut lief und ich ein paar Probleme mit Trainer Norbert Meier und Co-Trainer Heiko Scholz hatte. Noch heute haben wir regelmäßig Kontakt.

Johan Micoud // Zentrales Mittelfeld // Werder Bremen

Als er zu uns kam, war er nur den wenigsten Spielern von uns ein Begriff. Wir wussten im Prinzip nur, dass er ein Spielmacher war und beim AC Parma auf der Bank saß. Doch als Joe im ersten Trainingsspiel mit seiner allerersten Aktion gleich drei Leute ins Leere laufen ließ, war uns klar, was für einen außergewöhnlichen Spieler Allofs da verpflichtet hat. Micoud hatte gefühlt vier Augen und war allen anderen im Kopf immer mehrere Schritte voraus. Er war dabei nicht nur selbst genial, sondern hatte auch die Gabe, jeden seiner Mitspieler um Minimum eine Klasse besser zu machen! Vor allem unsere Stürmer Ailton, Klasnic, Charisteas und Valdez haben stark von seinen perfekten Zuspielen profitiert. 

Er hatte eine große Aura, war trotz der Sprachbarriere »Le Chef« und stach aus unserer großartigen Meistermannschaft heraus. Auch Trainer Thomas Schaaf hat seine Sonderrolle anerkannt und ihm Freiheiten eingeräumt. Als wir uns eines Morgens für den Waldlauf fertig gemacht haben, meinte Joe trocken »Ich komme nicht mit« und hat sich einfach eine Zeitung geschnappt. Als wir vom Waldlauf zurückkamen, war er immer noch am Lesen. (lacht) Solche Aktionen wurde akzeptiert, weil er Spiel für Spiel abgeliefert hat. Nach den 90 Minuten sah er teilweise aus, als wäre er durch den Stacheldraht gezogen worden, so heftig wie er von seinen Gegenspielern bearbeitet wurde.

Für mich ist Micoud trotz vieler anderer herausragender Spielmacher wie Diego, Mesut Özil oder Andy Herzog der beste Mittelfeldspieler, den Werder je hatte. Ich bin mir sicher: In Bremen wird er für immer Legendenstatus besitzen!

Josef Menke // Stürmer // SV Meppen

Was Micoud oder Pizarro in Bremen sind, ist Josef Menke in Meppen – eine Legende! Schon als Jugendspieler vom SV Meppen habe ich ehrfürchtig zu ihm hochgeschaut. Es war großartig, dass ich zu Beginn meiner Karriere noch die Gelegenheit hatte, mit ihm zusammenzuspielen. 

Josef war eigentlich ein 10er, der seine Mitspieler wunderbar in Szene setzen konnte. Wir haben zusammen ein Sturmduo gebildet. Als alter und nicht mehr ganz so schneller Hase besetzte er das Zentrum, während ich als Jungspund vorne links und rechts um ihn herumgelaufen bin. Es war eine Ehre für mich, für ihn mitzulaufen. Beeindruckend waren neben seinen sportlichen Qualitäten seine Ruhe und Gelassenheit. Hätte ich etwas mehr von seinem Charakter gehabt, hätte ich mir in meiner Karriere vielleicht nur halb so viele Knochenbrüche zugezogen. 

Josef war ein Musterbeispiel für Fairness und Sportsgeist. Etwas mehr Drecksau-Mentalität hätte ihm im Spiel durchaus gut getan, aber er war einfach ein astreiner Sportsmann. Von seinen Gegenspielern hat er viel auf die Socken bekommen, doch weil nie ein Revanchefoul begangen hätte, haben wir Mitspieler das gelegentlich für ihn übernommen, um ihn vor weiteren Attacken zu schützen. 

Ailton // Stürmer // Werder Bremen

In Bremen hatte Ailton einen unfassbaren Lauf, wurde in der Meistersaison mit 28 Treffern Torschützenkönig und »Fußballer des Jahres« – obwohl er im Training der Faulste von allen war. Konditionsübungen hat er gehasst. Trotz seines kleinen Bäuchlein war er unfassbar schnell. Er war kein typischer brasilianischer Ballkünstler. Dribblings oder Ballstafetten waren nicht seins, aber sein erster Ballkontakt war genauso weltklasse wie sein Schuss. Toni konnte aus dem Nichts abziehen, musste kaum ausholen und hat den Ball trotzdem hart und platziert aufs Tor gebracht.

Seit unserer Zeit in Bremen verbindet uns eine Freundschaft. Toni ist ein durch und durch guter Kerl, teilweise fast schon zu lieb. Als wir mal privat am Millerntor waren, um ein Spiel von St. Pauli anzuschauen, wurde er von den Fans erkannt. Anstatt sich darauf zu berufen, dass er privat unterwegs war, hat er mit einer Engelsgeduld wirklich jeden Autogrammwunsch erfüllt.

Karriere-Insights von Holger Wehlage

Meine wichtigsten Trainer

Horst Ehrmantraut hat mich in Meppen von der A-Jugend zu den Profis geholt. Das war der Startschuss für meine Karriere. Mit Mirko Votava bei Union, Uwe Neuhaus bei RWO und zu Benno Möhlmann bei der Eintracht stimmte die Chemie mehr, mit einigen anderen Trainern weniger. Weil ich nie davor zurückgeschreckt habe, offensiv meine Meinung zusagen, bin ich auch einige Male angeeckt und in Braunschweig sogar suspendiert worden. 

Mein wichtigster Trainer war aber Dietmar Demuth bei St. Pauli. Willi Reimann hatte mich zwar nach Hamburg geholt, aber keine tragende Rolle für mich vorgesehen. Weil es für mich unter ihm nicht weiterging, war ich mit Anfang 20 schon kurz davor, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Doch nachdem Reimann in der Saison 1999/2000 entlassen worden war und Demuth sein Nachfolger wurde, habe ich schnell das Gespräch mit ihm gesucht. Didi hat mir zugesichert, ihm in den ersten Spielen beweisen zu können, dass Reimann falsch lag und er auf mich setzen kann. Das ist mir gelungen und war für mich letztlich der Wendepunkt.

Das Meisterjahr mit Bremen

Das Meisterjahr mit Werder war wie ein einziger Rausch, auch wenn es mit einem herben Dämpfer begann. Nach unserer völlig unnötigen 0:4-Niederlage gegen den SV Pasching sind wir Anfang der Saison 2003/04 aus dem UI-Cup ausgeschieden. Danach haben wir von Klaus Allofs die Standpauke unseres Lebens bekommen.

Thomas Schaaf musste als Trainer gar nicht groß eingreifen, weil wir eine Riesentruppe voller korrekter Typen hatten, die fast alles unter sich geregelt hat. Vor allem Frank Baumann, Andy Reincke und Ismael haben viel in die Hand genommen. Wir waren eine perfekte Mischung aus erfahrenen und unumstrittenen Stammspielern sowie talentierten Nachwuchsspielern wie Fabien Ernst, Tim Borowski, Christian Schulz, Simon Rolfes oder mich. Mein sportlicher Anteil war mit einer handvoll Einsätzen überschaubar, aber es war trotzdem großartig, alles miterlebt zu haben. Vor allem die Feierlichkeiten in der Stadt nach der Meisterschaft und dem Pokalsieg werde ich nie vergessen!

Der Aufstieg mit St. Pauli in die Bundesliga

Für mich persönlich war der Aufstieg in die 1. Bundesliga mit St. Pauli sportlich der größere Erfolg als das Double mit Werder, weil ich als Stammspieler eine Saison lang Woche für Woche dazu beigetragen habe. Vor der Saison hatte uns niemand auf dem Schirm, denn wir waren eine No-Name-Truppe und hatten einen der kleinsten Etats der 2. Liga. Es war das schönste Jahr meiner Karriere! Nicht nur, weil wir als Underdog groß aufgetrumpft haben, sondern auch einen ausgeprägten Teamgeist hatten. Und am Millerntor zu spielen war sowieso jedes Mal wieder etwas besonders! 

Mein Karriere-Fazit

In meiner Karriere habe ich einiges erlebt, habe zwei Titel gewonnen und drei Aufstiege miterlebt. Davon bleiben unvergessliche Momente. Ohne meine diversen Verletzungen und mit einer etwas diplomatischeren Art gegenüber dem einen oder anderen Trainer wäre vielleicht noch etwas mehr drin gewesen, doch unterm Strich bin ich mit meiner Karriere absolut zufrieden.

Meine Karriere nach der Karriere

Seit 2010 betreibe ich zusammen mit Marco Dehne in Braunschweig die Fußballschule Kick Off Soccerarena. In den Fußball-Feriencamps wollen wir Kindern den Spaß am Fußball und darüber hinaus Werte wie Respekt und Fairness vermitteln. Die Kinder wissen meistens gar nicht, dass sich mal Fußballprofi war. Die kommen also nicht meinetwegen, sondern weil sie gerne Fußball spielen und unser Konzept mögen. Es sind eher die Väter, die sich gelegentlich ein Autogramm von mir abholen wollen. (lacht)

Der Werdegang von Holger Wehlage

JahreVereinSpiele (Tore)
1996–1998SV Meppen7 (0)
1998-1999VfB Lübeck34 (3)
1999-2001FC St. Pauli46 (3)
2001-2003Werder Bremen10 (1)
2003Union Berlin15 (1)
2003–2004Werder Bremen4 (0)
2004-2005Rot-Weiss Essen50 (8)
2007-2009Eintracht Braunschweig15 (3)

Bildcredits: Imago / Thomas Zimmermann

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