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Dietmar Hirsch war eine der Säulen in der Mannschaft des MSV Duisburg, die den FC Bayern 1998 im Pokalfinale an den Rand einer Niederlage brachte. Hier stellt er seine Traumelf aus seinen früheren Mitspielern in Gladbach, Duisburg und Rostock auf. Dabei erinnert er sich an die Tattoos von Stig Töfting, “Bang Boom Bang”- Filmabende mit Markus Beierle und Pöbeleien von Markus Osthoff.

Die Traumelf von Dietmar Hirsch

Taktische Aufstellung


Dietmar Hirsch über…

Georg Koch // Torwart // MSV Duisburg

Georg verkörperte für mich den nahezu perfekten Torhüter: Er war groß, kräftig, selbstbewusst, hatte starke Reflexe und eine gute Ausstrahlung, kannte keine Angst beim Herauslaufen und hatte Hände so groß wie Schaufelradbagger. Wie viele Torhüter ist auch er ein bisschen verrückt. Dass er sich in Kaiserslautern bei Auswärtsfahrten das Zimmer mit Mario Basler geteilt hat, sagt schon viel über ihn aus. (lacht)

Mit Georg bin ich voll auf einer Wellenlänge und wir sind bis heute gute Freunde. An ihm schätze ich vor allem seine ehrliche und direkte Art. Damit ist er bei Mitspielern und Funktionären auch mal angeeckt, aber er hat sich nie verbiegen lassen. Solche Typen mag ich. In meiner Traumelf sollte er die Kapitänsbinde tragen, weil er einen großen Siegeswillen hatte und die Interessen der Spieler auch gegenüber dem Verein am ehesten durchsetzen konnte.

Deniz Dogan // Linker Verteidiger // VfB Lübeck

Dass Deniz es bis in die 1. Bundesliga schaffen würde, haben ihm in Lübeck nicht viele zugetraut. Doch mich hat es nicht überrascht. Es gab sicher bessere Fußballer, aber er hatte den Willen, es zu packen. Außerdem war er schnell, kopfballstark und hatte einen guten linken Fuß.

Wenn ich an Deniz denke, kommen mir sofort seine unzähligen Paare Fußballschuhe vor Augen. Er hatte mehr Schuhe als jede Frau und war quasi immer auf der Suche nach dem perfekten Schuh. Obwohl er so viele Schuhe hatte, hat er sie mal zu einem Spiel bei St. Pauli vergessen. Er hat sich dann von einem Mitspieler welche geliehen, die zwar eine Nummer zu klein waren, aber der Trainer hat zum Glück nichts gemerkt.

Patrik Andersson // Innenverteidiger // Borussia Mönchengladbach

Ich habe in meiner Karriere mit vielen Skandinaviern zusammengespielt. Mit Ausnahme von Martin Dahlin waren sie vom Naturell eher ruhigere Typen. Doch auf dem Platz gingen sie hart und aggressiv zur Sache. Als junger Spieler mit Patrick zusammenzuspielen war für mich großartig. Er hat nicht viel gesprochen, doch er war eine große Persönlichkeit und ein Weltklassespieler mit einer super Mentalität. Aufgrund seiner Zweikampf- und Kopfballstärke war er hinten eine Wand und bildete im Zusammenspiel mit Michael Klinkert ein Bollwerk. Aufgrund seiner Qualitäten war es kein Wunder, dass er später noch bei Bayern und in Barcelona gespielt hat.

Rouven Schröder // Innenverteidiger // VfB Lübeck

Zum Ende meiner Karriere habe ich beim VfB Lübeck zusammen mit Rouven die Innenverteidigung gebildet. Wir waren damals beide jenseits der 30 Jahre und nicht mehr die schnellsten, haben das aber mit unserer Erfahrung kompensieren können und die Mannschaft von hinten geführt. Oft geht es nicht gut, wenn beide Innenverteidiger eine Führungsrolle einnehmen, doch wir haben uns perfekt ergänzt. Neben seinen sportlichen Qualitäten war Rouven auch menschlich top und in der Mannschaft sehr beliebt.

Thomas Hoersen // Rechter Verteidiger // Borussia Mönchengldachbach

Mit “Puma” Hoersen habe ich erst in Gladbach und später beim MSV Duisburg zusammengespielt, er als rechter und ich als linker Verteidiger. In Gladbach sind wir nicht richtig zum Zug gekommen, weil wir auf unseren Positionen mit Thomas Kastenmaier und Jörg Neun zwei etablierte Profis vor uns hatten, an denen nur schwer vorbeizukommen war. Wir sind dann beide nach Duisburg gewechselt, wo wir regelmäßig zusammen in der Abwehr gespielt haben. Weil wir im gleichen Ort gewohnt haben, sind wir oft zusammen zum Training gefahren.

Seinen Spitznamen Puma bekam er 1995 nach Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg. Stefan Effenberg hatte sich nach dem Sieg den Tiger auf den Hinterkopf frisieren lassen. Als wir dann mit Stefan im Autokorso durch Gladbach fuhren, riefen die Fans ohne Unterlass “Tiger Effenberg”. Das wurde Thomas irgendwann zu viel, woraufhin er selbst “Puma Hoersen” rief. Seitdem nenne ich ihn nur noch so.

Stig Tøfting // Defensives Mittelfeld // MSV Duisburg

Stig Tøfting war ein verrückter Typ aber privat auch ein großer Familienmensch. Jeden freien Tag ist er nach Dänemark zu seiner Familie gefahren. Dabei kam er gefühlt jedes Mal mit einer neuen Tätowierung zurück. Es dauerte nicht lange und sein ganzer Oberkörper war voll gekleistert. Heute hat fast jeder Spieler Tattoos, doch Ende der 1990er Jahre war er in der Bundesliga damit eine Ausnahme.

Sein Aussehen und seine Spielweise hatten etwas von einer Bulldogge. Stig war total erfolgsbesessen, ist keinen Zweikampf aus dem Weg gegangen und hat ordentlich dazwischen gehauen. Damit passte er perfekt zu der Arbeitermentalität in Duisburg.

Markus Osthof // Linkes Mittelfeld // MSV Duisburg

Markus konnte mit seinem linken Fuß gefährliche Flanken schlagen, war selbst torgefährlich und außerdem verdammt giftig. Ich habe in meiner Karriere keinen Mitspieler gehabt, der so viel rumgepöbelte und sich so häufig mit dem Schiedsrichter anlegte. Das ist selbst heute in der MSV-Traditionsmannschaft noch so. (lacht) Ich weiß nicht, wie viele gelbe Karten sich Markus dadurch abgeholt hat. Seine Aggressivität hatte aber auch etwas Gutes! Wenn es für uns im Spiel nicht so gut lief, hat er es dadurch oft geschafft, die Mannschaft und die Fans wachzurütteln.

Steffen Baumgart // Rechtes Mittelfeld // Hansa Rostock

“Baumi” war eigentlich Stürmer, der immer für ein Tor gut war. Wenn es sein musste, konnte er mit seiner Schnelligkeit auch auf der rechten Seite aushelfen. Sogar als Torwart hatte er Qualitäten: Nach dem Training haben wir regelmäßig noch freiwilliges Schusstraining gemacht und um kleine Wetteinsätze gespielt. Dabei ist er oft in den Kasten gegangen.

So wie er früher als Spieler war, so ist er heute als Trainer: authentisch, ehrlich, meinungsstark und schnörkellos. Damit kommt er bei seinen Spielern gut an. Ich habe Spieler und Trainer erlebt, die sich durch den Erfolg verändert haben und alte Weggefährten plötzlich nicht mehr kannten. Im Gegensatz zu denen ist Baumi immer ganz der Alte geblieben. Als ich ihn mal gefragt habe, ob ich bei ihm in Paderborn hospitieren kann, war seine Antwort: “Du kannst immer gerne kommen, aber erwarte nicht, dass wir hier irgendwelchen Hokus Pokus machen.” Für Baumi ist Fußball ein einfaches Spiel, er macht es nicht komplizierter als nötig. Es macht für ihn keinen großen Unterschied, ob er in der Landesliga oder in der Bundesliga trainiert. Ich bin mir sicher, dass er auch in der Champions League an der Seitenlinie noch Trainingsanzug und Basecap tragen würde.

Michael Zeyer // Zentrales Mittelfeld // MSV Duisburg

“Zico” Zeyer, war ein richtig guter Fußballer, ein Spielmacher der alten Schule. Als unser Freigeist und Taktgeber hat er unserem Spiel den Stempel aufgedrückt. Nur mit den Eins-gegen-Eins-Situationen hat er es oft übertrieben, sodass wir hinten die Bälle zurückerobern mussten, die er vorne vertändelt hat.

Abseits des Platzes hatte Andreas etwas von einem zerstreuten Professor. Für ihn wäre es ein Segen gewesen, wenn es schon damals im Auto ein Navi gegeben hätte. (lacht) Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sehr intelligent ist. Heute führt er erfolgreich ein Restaurant in Stuttgart.

Bachirou Salou // Stürmer // MSV Duisburg

Bachirou Salou war ein großartiger Stürmer der Liebling der Fans. Er war unfassbar schnell, sodass er in Duisburg – und später auch in Rostock – für unser auf Konter ausgelegtes Spiel der perfekte Spielertyp war. Wie wichtig er für uns war, hat man 1998 im Pokalfinale gegen die Bayern gesehen, als er uns mit 1:0 in Führung geschossen und Lothar Matthäus dabei im Laufduell locker stehen gelassen hat. Daraufhin haben die Bayern ihn kaputtgetreten, sodass er ausgewechselt werden musste. Ohne Bachi hatten wir nach vorne keine Entlastung mehr und haben das Spiel leider kurz vor Schluss durch ein Tor von Mario Basler mit 2:1 verloren.

Video: Zusammenfassung vom DFB-Pokalfinale 1998

In Rostock war Salou mein Zimmerkollege. Damals gab es noch keine Flatrate fürs Telefonieren per Handy, was ihn einen guten Teil seines Gehalts kostete. Er hat ständig in seiner Heimat Togo angerufen. Dabei schrie er umso lauter in den Hörer, je weiter weg er telefoniert hat. Da war abends für mich auf dem Zimmer nicht mehr ans Fernsehgucken zu denken!

Markus Beierle // Stürmer // MSV Duisburg

Markus war ein ganz anderer Stürmertyp als Salou, aber auch wichtig fürs Team. Ausgezeichnet hat ihn vor allem sein Torriecher. Er hatte ein Gespür dafür, wo er stehen musste und dann den Ball auch reingemacht, wenn er ihm vor die Füße gefallen ist.

Mit Markus habe ich mir bei Auswärtsfahrten lange das Zimmer geteilt. Dabei haben wir unzählige Male unseren Lieblingsfilm “Bang Boom Bang” geschaut. Irgendwann konnten wir den Film auswendig mitsprechen. Noch heute werfen wir uns die Filmzitate an den Kopf. Durch den Streifen hat Markus auch seinen Spitznamen “Ralle” erhalten, an Anlehnung an den Hauptdarsteller Ralf Richter.

Trailer zu „Bang Boom Bang“, dem Lieblingsfilm von Dietmar Hirsch und Markus Beierle

Karriere-Insights von Dietmar Hirsch

Mein bester Trainer

Mein bester und wichtigster Trainer war Friedhelm Funkel. In Duisburg und Rostock habe ich insgesamt fünf Jahre unter ihm gespielt. Es hat zwar nicht das modernste Training gemacht, aber er hatte einen richtig guten Draht zur Mannschaft. Er ist grundehrlich, hat uns nie etwas vorgemacht und wusste genau, wie er die verschiedenen Charaktere im Team zu nehmen hatte. Wenn wir uns heute mal über den Weg laufen, ist das Verhältnis immer noch sehr herzlich.

Mein Weg zum Profi

Wenn man wie ich kein Ausnahmetalent ist, braucht man etwas Glück, um Profi-Fußballer zu werden. Wenn man das geschafft hat, besteht die große Herausforderung darin, sich dort zu behaupten. Dafür muss man eine große Opferbereitschaft mitbringen. In der Jugend gab es viele Spieler, die besser waren als ich, aber viele von denen waren irgendwann nicht mehr bereit, alles dem Fußball unterzuordnen, sodass sie auf der Strecke geblieben sind. Ich musste mir meinen Platz immer hart erkämpfen, habe den Kampf aber gerne angenommen.

In der Jugend habe ich auf dem höchsten Niveau gespielt, bei den Herren mit 18 Jahren dann jedoch zunächst nur in der Bezirksliga. Über gute Leistungen beim 1. FC Viersen ist Gladbach auf mich aufmerksam geworden, wo ich für die 2. Mannschaft eingeplant war. Weil Jörg Neun verletzt ausgefallen ist, rutschte ich in den Profi-Kader und durfte dort als Vertragsamateur meine ersten Bundesligaspiele machen. Als junger Spieler war es für mich fantastisch, auf einmal mit Top-Spielern wie Christian Hochstätter, Holger Fach, Kalle Pflipsen, Martin Max und Heiko Herrlich auf den Platz zu stehen, die ich kurz vorher noch auf dem Bökelberg als Fan aus der Nordkurve angefeuert habe. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut!

Durch meine Auftritte in Gladbach kam der MSV auf mich zu und hat mir ein Angebot gemacht. Dort konnte ich zeigen, dass ich keine Eintagsfliege war, und mich in der Bundesliga etablieren. Insgesamt bin ich auf fast 200 Bundesligaspiele gekommen, darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Meine schönste Saison

In Gladbach Profi zu werden war fantastisch. Auch die zwei Jahre bei Hansa Rostock werde ich immer in positiver Erinnerung behalten. Doch wie man an meiner Traumelf erkennen kann, hatte ich meine schönste Zeit als Profi von 1995 bis 2000 beim MSV Duisburg. Dort bin ich zum gestandenen Bundesligaspieler geworden, habe im UI-Cup gespielt und im Pokalfinale gestanden. Wir hatten mit Friedhelm Funkel einen tollen Trainer und einen super Teamgeist. Unser starker Zusammenhalt war der Schlüssel dazu, dass wir uns trotz finanziell bescheidener Mitteln in der Bundesliga behaupten konnten und sogar zweimal einen einstelligen Tabellenplatz erreicht haben.

Video: Dietmar Hirsch trifft im Jahr 2001 zum 1:0-Sieg von Hansa Rostock gegen Bayern München

Meine Karriere nach der Karriere

Zum Ende meiner Karriere habe ich während meiner Zeit in Lübeck per Fernstudium Sportmanagement studiert und bin Sportfachwirt geworden. In Lübeck habe ich dann zunächst als Sportdirektor und Geschäftsstellenleiter gearbeitet. Im Zuge der Insolvenz wurde mein Vertrag jedoch aufgelöst. Weil ich in der Zeit gemerkt habe, dass ich lieber auf dem Platz stehe, als im Büro zu sitzen, habe ich mit Ende 30 den Trainerschein gemac

Meine kuriose Kündigung auf Sylt

Eine meiner ersten Trainerstellen war auf Sylt. Zusammen mit einem Freund, der mein Co-Trainer wurde, haben wir dort eine komplett neue Mannschaft aufgebaut und hatten das Ziel, in die Regionalliga aufzusteigen. Es lief auch alles super, wir waren nach fünf Spieltagen ungeschlagen und hatten uns in der Spitzengruppe der Tabelle festgesetzt.

Probleme gab es jedoch mit dem Geldgeber des Vereins. Bei den vorherigen Trainern hatte er schon mehrfach in die Aufstellung hereingeredet. Das haben wir uns nicht gefallen lassen. Zudem hat ihn gestört, dass er nach den Spielen nicht in die Kabine durfte, um dort mit den Spielern Bier zu trinken. Er sagte dem Verein daraufhin, dass ihm das alles viel zu professionell geworden wäre und er sich nicht sicher sei, ob er sein Engagement weiter fortführen wolle. Daraufhin habe ich mehr oder weniger freiwillig die Koffer gepackt. Ich hätte zwar gerne weiter gemacht und wäre gerne mit den Jungs aufgestiegen, doch im Nachhinein ist es auch so eine gute Referenz für mich, denn wer wird schon wegen “zu großer Professionalität” entlassen, wie es in der offiziellen Pressemitteilung des Vereins hieß? (lacht)

Der Werdegang von Dietmar Hirsch

JahreVereinLigaspiele (Tore)
1993–1995Borussia Mönchengladbach21 (0)
1995–2000MSV Duisburg141 (11)
2000–2001SpVgg Unterhaching22 (1)
2001–2003Hansa Rostock43 (3)
2003–2005MSV Duisburg26 (1)
2005–2008VfB Lübeck126 (8)

Die Traumelf weiterer Fußball-Legenden

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