Dietmar Erler

Dietmar Erler

Von Arminia Bielefeld über Borussia Dortmund zu Eintracht Braunschweig, wo er schließlich sein sportliches Glück gefunden hat. Dietmar Erler hat in den 1970er Jahren beim BTSV viele Höhen und einige Tiefen erlebt. Hier stellt er seine persönliche Traumelf aus ehemaligen Mitspielern vor und verrät, warum das Gastspiel von Paul Breitner bei der Eintracht nur eine Saison lang währte und wie Trainer Branco Zebec ihm die nötige Härte beigebracht hat.

Die Traumelf von Dietmar Erler

Taktische Aufstellung

Traumelf Aufstellung Dietmar Erler 4-3-3

Bernd Franke // Torwart // Eintracht Braunschweig

Von Bernds Unaufgeregtheit auf und neben dem Platz konnte jeder von uns profitieren. Als Saarländischer Jugend-Hochsprungmeister hatte er eine enorme Athletik. Und mit dem Ball umgehen konnte er auch. Unser Trainer Otto Knefler hat ihn in Freundschaftsspielen sogar manchmal als Sturmspitze eingesetzt.

Dieter Zembski // Rechter Verteidiger // Eintracht Braunschweig

Mit „Zemmi“ verbinden mich seit 1975 Jahrzehnte gemeinsamer Fußball-, Adidas- und Familienerlebnisse. Dank seiner unerbittlichen Zweikampfqualitäten war er ein Garant für unsere verlässliche Defensive. Seine Spielweise würde heutzutage kaum mehr als modern durchgehen, doch ein Typ wie er ist für jede Mannschaft unerlässlich. Von der nicht seltenen Übertreibung heutiger Abwehrspieler, alles spielerisch elegant zu lösen, halte ich ohnehin nicht viel. Manchmal muss man den Ball halt einfach mal wegdreschen.

Achim Bäse // Innenverteidiger // Eintracht Braunschweig

Ich habe Achim zwar nur noch in der Saison 1970/71 erlebt, aber er hat mich in dem Jahr nachhaltig beeindruckt. Wie gern hätte ich länger mit ihm zusammen gespielt. Ich glaube, es gab keinen Abwehrchef, der so viele Schüsse abgeblockt hat. Er stand einfach so clever, dass er von den Stürmern angeschossen werden musste. Man darf ihn aber nicht auf die Fähigkeiten eines Bollwerks reduzieren. Er war die Ruhe selbst, auch im „normalen“ Leben, und ein großartiger Stratege und Führungsspieler wie seinerzeit Willi Schulz, Wolfgang Paul oder der junge Kaiser Franz.

Reiner „Holli“ Hollmann // Innenverteidiger // Eintracht Braunschweig

Holli ist in der „Küche“ von Rot-Weiß Oberhausen groß geworden. Damit meine ich die Feldkamps, Klimaschewskis und Kobluhns, die mir im naiven Alter von 19 Jahren bei Arminia Bielefeld die gnadenlose Blutgrätschen-Schule des „Pütts“ verpassten. Wenn es sein musste, konnte auch Holli die Blutgrätsche auspacken. Doch durch seine Schnelligkeit und das Gespür für den richtigen Zeitpunkt hatte er das kaum nötig. Typen wie Zemmi und Holli hinten drin zu wissen, erweiterte uns Angreifern den Horizont für unsere Offensivaktionen. Auch wenn Reiner viele Jahre als Trainer fern von Deutschland gearbeitet hat, wir haben den Kontakt nie verloren, wir telefonieren und treffen uns weiterhin.

Franz Merkhoffer // Linker Verteidiger // Eintracht Braunschweig

Franz war ein lebenslustiger Kerl und hat sich das bis heute bewahrt. Die Achse Merkhoffer–Gersdorff–Erler auf der linken Seite war über Jahre eine dynamisch verlässliche Antriebskraft unserer Mannschaft. Seine Aufgaben als linker Verteidiger löste er mit allen Komplimenten, die man auch für die kraft- und willensstarke Arbeit von Pferden verwendet. Apropos: Wir haben ihn „Pferde-Franz“ genannt. Zu seinem Haus außerhalb von Braunschweig gehörten Pferdeboxen wie bei anderen der Hobbykeller. Er begann, Pferde zu halten und zu trainieren. Seit dem Ende seiner imponierend ausdauernden Karriere streichelt Franz viel lieber einen Pferderücken als den Fußball. In Oldie-Mannschaften hat man ihn jedenfalls nur selten gesehen.

Bernd Gersdorff // Linkes Mittelfeld // Eintracht Braunschweig

Seit Bernd und ich uns 1970 bei der Eintracht begegnet sind, haben wir vieles gemeinsam gemacht und erlebt: Lehrerstudium, dort unsere Frauen kennengelernt und vor über 40 Jahren innerhalb von vier Wochen geheiratet, Familienurlaube, Zusammenarbeit bei Adidas und noch einiges mehr. Dabei sind wir vom Typ her ganz unterschiedlich. Doch auf dem Platz waren wir in Einstellung und Spielweise eins. Die Aufgabenverteilung und das Spielverständnis auf der linken Seite stimmten ohne große Absprache. Somit konnten wir dazu beitragen, die großartige Tradition der Generation Wolter, Bäse und Ulsaß auch in die 1970er Jahre weiter zu tragen.

Lothar Ulsaß // Zentrales Mittelfeld // Eintracht Braunschweig

Auch mit Lothar habe ich leider nur noch in der Saison 1970/71 zusammen gespielt. Er war Spielmacher, Ballschlepper und Torschütze in einem. Ein Macher und eine Autorität. Ohne den leidigen Bundesligaskandal hätte ich ihn mir nach seiner Spielerkarriere als Sportdirektor in Braunschweig gewünscht. Mit ihm hätte die Ära von Trainer Branco Zebec nach der Saison 1977/78 mit dem Weggang Paul Breitners höchstwahrscheinlich nicht so abrupt enden müssen.

Paul Breitner // Rechtes Mittelfeld // Eintracht Braunschweig

Weil Pauls Kinder schulpflichtig wurden, wollte er 1977 von Real Madrid zurück nach Deutschland. Die Bayern und der HSV zögerten, da sah Jägermeister-Chef Günter Mast seine Chance gekommen. Mit Pauls Verpflichtung von Real Madrid gelang ihm eine großartige Werbeaktion für sein Unternehmen.

Paul war und ist ein Erfolgsmensch. Alles, was er anfasst, will er top beherrschen, sonst lässt er es lieber bleiben. In dieser Traumelf würde er sicherlich die Kapitänsbinde tragen.

Er war damals ein junger Familienvater. Über sein Interesse für Pädagogik sind wir uns näher gekommen. Leider waren Zemmi, Holli, Popi und ich die einzigen in der Mannschaft, die einen normalen Zugang und Umgang mit ihm hatten. Daraus entwickelten sich auch familiäre Kontakte. Die ließen dann einen anderen Paul erkennen. Den Privaten, der ohne seine „Rolle“ und den Druck seiner Verpflichtungen ein gelöster, liebenswerter Mitmensch ist. Jedem, der ihn etwas fragte oder ihn um etwas bat, half er bereitwillig. Doch für diejenigen, die diese Seite nicht kennenlernen konnten, existierte eine Barriere. Leider schaffte es keiner, diese bis zum Jahresende abzubauen. Danach waren die Fronten ziemlich verkrustet.

Das Jahr mit Paul in Braunschweig war für alle Beteiligten vielschichtig und lehrreich: Fußballerisch, weil er unserer in drei Jahren gewachsenen Mannschaft, die 1977 nur knapp die Deutsche Meisterschaft verpasst hatte, als Lenker Führungsstärke und Reife gab. Oder eben: Hätte geben können. Denn es gab zu viele Missverständnisse, Kluften und Interessen, die der Verein in seiner Struktur nicht stemmen konnte. Dadurch wurde für die Eintracht die Chance verpasst, sich in der Bundesliga und auch international bis in die 1980er Jahre zu etablieren. „Ich habe in diesem einen Jahr mehr gelernt als in allen anderen”, hat Paul es selbst betont.” Das galt auch für mich in seiner Umgebung, was letztlich jedoch nur ein schwacher Trost war.


Video: Dietmar Erler über Paul Breitner während dessen Zeit in Braunschweig

Danilo Popivoda // Rechtsaußen // Eintracht Braunschweig

Danilo ist 1975 zu uns gekommen und stieg zu Recht in kurzer Zeit zum Publikumsliebling auf. Explosiver Antritt, kraftvolle Haken, jeden Zweikampf suchend. Dabei konnte “Popi” anderen ebenso weh tun, wie er selbst einstecken musste. Und wie er beharkt wurde! In seiner Heimat Novisad bestritten wir mal als Vorbereitung auf die Saison ein Intertoto-Spiel. Anstoß, Pass rechts auf Popi. Der startet mit dem Ball die Linie runter und wird vom ersten Abwehrspieler brutal von den Beinen geholt. Schulter demoliert, Pause für Wochen. Der Dank seiner Heimat… Es wurde das giftigste, hässlichste Spiel meiner Karriere. Zebec kam nach dem Spiel zu mir und sagte trocken: „Mein Junge, so hast du mir gefallen.“ Damit meinte er, dass ich in dem Spiel endlich gelernt hatte, mich bei Bedarf mit passenden Mitteln zu wehren. Leider war ich da schon 28 Jahre alt. Für meine Entwicklung hätte ich mir Branco und Popi schon gut zehn Jahre eher gewünscht. Von beiden konnte ich sehr viel lernen.

Siegfried “Siggi” Held // Mittelstürmer // Borussia Dortmund

1968 ging ich von Arminia Bielefeld aus der Regionalliga, der damaligen 2. Liga, zum BVB. Das war zwei Jahre nach dem Sieg der Borussia im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen Liverpool. Bei der Borussia spielten damals Lothar Emmerich, Willi Neuberger, Stan Libuda und Siegfried Held. Leider waren die beiden Jahre beim BVB sportlich für mich wenig erfolgreich, gelernt habe ich dennoch eine Menge. Besonders auch von Siggi Held, der mich stark beeindruckt hat.

Sein Pokergesicht verzog sich selten, höchstens zu einem Grinsen, wenn er anderen wieder einmal bewiesen hatte, wer der Clevere war. Mit dem Ball am Fuß wurde er noch mal schneller als vorher. Persönlichen Kontakt hatten wir leider kaum, was ich nachträglich bedauere. Denn mir imponierte nicht nur sein zielstrebiges Spiel, sondern ebenso sein äußerliches „Understatement“. Es begann die Zeit der schnellen Autos mit Tuningvorlieben. Doch Siggi fuhr weiter unbeeindruckt seinen älteren Ford 17 M.

Dietmar Erler // Linksaußen

Meine Stärken waren die Schusskraft und Flanken. Dass ich ein guter Fußballer wurde, verdanke ich auch dem englischen Militär. Heimlich und respektvoll schlichen wir Jungs uns in Bielefeld auf ihre gepflegten Rasenplätze, auf denen Tore mit richtig geflochtenen Netzen waren. Sonst gab es bei uns fast nur rote Ascheplätze, die auf meinen Knien jahrelang markante Spuren hinterlassen haben.

Am liebsten habe ich auf Linksaußen gespielt. Zwar bin ich von Haus aus rechts stärker, doch bereits in Dortmund wechselte ich nach Lothar Emmerichs Weggang die Seite. Nach innen ziehen und mit dem starken Fuß schießen, bedeutete mehr Torgefahr. Das gab es also auch schon vor Arjen Robben.

BTSV-Breitner-Erler-Zembski
Foto: Breitner, Erler und Zembski im Trikot von Eintracht Braunschweig

Karriere-Insights

Mein Weg zum Profi

Heute glaubt jeder Zweite, Superstar zu werden. Doch wer dachte früher schon daran, wirklich Fußballprofi zu werden? Ich jedenfalls bestimmt nicht. Ich war einfach ein Straßenfußballer im besten Sinne.

Lange habe ich gezögert, von Fichte Bielefeld zur Arminia zu wechseln. Ob ich wirklich Fußballprofi werden sollte, ohne jemals in einer Jugendauswahl gespielt zu haben? Schließlich wollte ich Lehrer werden und lieber als „freier“ Amateur kicken. Doch zum Glück gab es bei der Arminia einen neuen Trainer: Hannes Wendlandt, dem ich wie einem väterlichen Freund vertraute und der mir den Weg in die Fußballwelt ebnete.

Aufgrund meiner guten Leistungen in Bielefeld ist Borussia Dortmund ist auf mich aufmerksam geworden. Sportlich waren die zwei Jahren beim BVB für mich nur durchwachsen. Es ging gleich schwierig los. Ein verschleppter Mittelfußbruch in der Saisonvorbereitung, der mich bis September außer Gefecht setzte, woraufhin ich als kränkelnder „Fehleinkauf“ tituliert wurde, trug dazu bei, mir meinen Start in die 1. Bundesliga gründlich zu vermiesen.

Nach meinem Wechsel zu Eintracht Braunschweig konnte ich endlich zeigen, was sich drauf hatte. Vor allem Branco Zebec hat voll auf mich gesetzt und mich immer spielen lassen, wenn ich gesund war.

Mein bester Trainer

Branco Zebec, früher selbst ein Weltklassespieler, war ein klarer Analytiker, der sofort sah, ob ein Spieler auch im Training alles gab oder nur „dicke Backen“ machte. Durch ihn lernte ich das richtige Zweikampfverhalten – wenn auch leider viel zu spät. Er sagte zu mir: “Wenn ein Spieler kommt, schütze dich. Sieh, wenn er kommt. Gib ihm Sohle!“

Unsere linke Seite mit mir vorne, Gersdorff im Mittelfeld und Merkhoffer in der Abwehr war gefährlich und unberechenbar, denn die beiden hatten einen ungeheuren Offensivdrang. Daher war es mein Job, auch mal hinten die Seite zuzumachen. Zuerst schrien die Zuschauer daraufhin: „Erler, geh nach vorn, du hast die 11!“ Doch Branco sagte zu mir: „Mein Junge, lass Leute rufen. Haben keine Ahnung von gute Fußball. Wer stellt dich auf? Leute oder Trainer?“

Zebec hatte einfach eine große Aura und enorm viel Fußballsachverstand. Zudem war er in vielen Dingen ein Pionier. So war er der ersten Trainer, der in der Bundesliga Raumdeckung spielen ließ.


Video: Rolf Töpperwien erklärt die Raumdeckung von Eintracht Braunschweig unter Trainer Branco Zebec

Mein bester Gegenspieler

Manni Kaltz war der unangenehmste Gegenspieler, aber Franz Beckenbauer der beste. Franz konnte übrigens richtig hart und böse werden, auch wenn er das nur ganz selten nötig hatte. Es war mir eine große Ehre und Freude, später in der „Uwe Seeler- Mannschaft“ mit ihm im gleichen Team spielen zu dürfen.

Meine Rolle im „Bundesliga-Skandal

Ich war in meinem ersten Jahr in Braunschweig, als ich einen Anruf von Gerd Roggensack bekam, mit dem ich bei Arminia gespielt und noch befreundet war. „Hast du mal eine halbe Stunde Zeit?“ Damit ging es los. Wir trafen uns, er fuhr mit mir zu diesem Herrn Schneider, dem Mäzen Arminias. „Wir wollen, dass ihr gegen Oberhausen im letzten Heimspiel gewinnt“. Meine Antwort: “Das wollen wir sowieso, keine Sorge”. Er entgegnete: “Wir zahlen euch eine Extra-Summe, wenn ihr gewinnt.“ Daraufhin habe ich das Gespräch abgebrochen und darauf verwiesen, dass ich damit nichts zu tun haben will und ich als Neuling im Team sowieso der falsche Ansprechpartner bin. So wandten sie sich an unseren Kapitän Lothar Ulsaß. Später, bei der Aufdeckung durch den Offenbacher Präsident Horst-Gregoria Canellas, fiel mein Name als Kontaktperson. Fälschlicherweise mit den extra verlorenen Spielen in Verbindung gebracht worden zu sein, ging mir schon schwer unter die Haut. Für unser gesamtes Team war es mehr als unschön, ständig im Zusammenhang mit diesen Skandal genannt zu werden. Wir sind als Mannschaft gewiss „nur“ mit einer Geldstrafe davon gekommen, doch die langfristigen Auswirkungen haben meiner Erachtens 1973 zum Abstieg der Eintracht geführt.

Die Karriere nach der Karriere

Nach dem erneuten Abstieg der Eintracht im Jahr 1980 beendete ich meine aktive Karriere. Auch danach hatte ich ein erfülltes und abwechslungsreiches Berufsleben. Ich wurde Lehrer (Sport-, Mathematik- und Erdkunde), war Sportjournalist beim NDR sowie Repräsentant und Verkäufer von Adidas. Alles entsprach meinen Wünschen und Neigungen. Und gut leben konnte ich davon auch noch.

Trotz der Verletzungen und dem Verschleiß an beiden Knien ist der Fußball bis heute das Glück meines Lebens: Noch wichtiger als das Materielle waren die Begegnungen mit vielen beeindruckenden Menschen aus dem Sport, der Öffentlichkeit und dem Wirtschaftsleben, die mir sonst kaum geschenkt worden wären.

Dietmar Erler heute
Foto: Dietmar Erler im fortgeschrittenen Alter

Werdegang von Dietmar Erler als Spieler

Jahre Verein Spiele (Tore)
1966–1968 Arminia Bielefeld 66 (21)
1968-1970 Borussia Dortmund 28 (2)
1970-1980 Eintracht Braunschweig 261 (54)

Bildcredits: imago/Rust, privat

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