Bernd Gersdorff

Bernd Gersdorff

Bernd Gersdorff hat in den 1970er Jahren mit dem Who-is-Who des Weltfußballs zusammen gespielt. Besonders für die Fans von Braunschweig ist er zur Legende geworden, als er mitten in der Saison 1973/74 von Bayern München zurück zur Eintracht gewechselt ist, in den verbleibenden 19 Spielen unglaubliche 35 Tore schoss und den Verein damit zurück in die 1. Bundesliga führte. Er stellt uns seine mit Weltstars gespickte Traumelf vor und schildert, wie Kult-Trainer Branco Zebec seinerzeit in der Bundesliga die Taktik revolutioniert hat.

Die Traumelf von Bernd Gersdorff

Taktische Aufstellung

Sepp Maier // Torwart // Bayern München

Es gibt ja das Vorurteil, dass die Bayern und die Preußen sich nicht verstehen würden. Wir haben das widerlegt. Sepp war und ist ein Freund, ein Pfundskerl und ein Spaßvogel. Im Tor war er aber hochkonzentriert. Das Spiel seines Lebens war das WM-Finale 1974 gegen Holland, als er den Sieg für Deutschland mit mehreren Glanzparaden festgehalten hat. Er war ein Idol, der beste Torwart seiner Zeit. Ich habe ihm trotzdem welche eingeschenkt. Nachdem ich die Bayern verlassen hatte, habe ich in den Spielen gegen München regelmäßig getroffen.

Wolfgang Dremmler // Rechter Verteidiger // Eintracht Braunschweig

Vor Wolfgang habe ich den allergrößten Respekt, wie er sich aus sozial schwierigsten Verhältnissen hochgearbeitet und hochgekämpft hat. So hat er auch gespielt. Schon in der Jugend war er in fast jedem Spiel rotgefährdet. Als junger Spieler kam er in der Saison 1974/75 unter Trainer Branco Zebec erst nicht so richtig zum Zug. Darüber hatten wir uns in der Mannschaft gewundert, weil er physisch so unfassbar stark war. Aber von dem Moment an, als Zebec ihn endlich gebracht hatte, war er nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Seitdem ging es in seiner Karriere stetig nach oben. Ein paar Jahre später wechselte er zu den Bayern und wurde vielfacher Nationalspieler. Nach seiner aktiven Karriere war er in München noch viele Jahre als Chefscout tätig.

Franz Beckenbauer // Libero // Bayern München

Franz war nicht nur auf dem Platz etwas ganz besonderes. Er ist eine echte Persönlichkeit, ein wahrhaft freundliche Mensch und auch ein echt guter Kumpel. Auf dem Platz hatte er so eine große Aura, dass man ihn gar nicht wirklich attackieren wollte. Abgesehen davon wäre es auch schwer gewesen, ihm den Ball abzuluchsen. Er war schnell, hatte eine erstklassige Technik und eine großartige Übersicht. Als wir beide in den USA waren, war es immer eine Freude, ihn wiederzusehen und gegen ihn zu spielen. In meiner Traumelf wäre Franz natürlich der Kapitän.

Collin Bell // Vorstopper // San Jose Earthquakes

Colin hat im WM-Finale 1966 die Vorlage zum legendären Wembley-Tor gegeben. Ein richtig guter Junge und ein Engländer, wie er im Buche steht. Mit ihm habe ich in San Jose zusammen gespielt, wo er seine Karriere hat ausklingen lassen. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, sein typisches englisches Spiel zu spielen: knochenhart, voller Energie und mit einem klasse Kopfballspiel.

Paul Breitner // Linker Verteidiger // Bayern München

Paul ist ein besonderer Spieler und ein besonderer Typ. Er hat den modernen linken Verteidiger erfunden, denn er war de facto eher ein Mittelfeld- als ein Abwehrspieler. Seine Gegenspieler mussten mehr hinter ihm herlaufen als umgekehrt. Ob in München oder bei Real Madrid, er hat das Spiel geprägt. In Braunschweig haben wir uns knapp verpasst. Kurz bevor er dorthin gekommen ist, bin ich zur Hertha gewechselt. Paul war zwar ein starker und eigenwilliger Charakter, aber in der Mannschaft hat es deswegen nie Probleme gegeben. Überhaupt war es in all meinen Mannschaften so, dass alle für den gemeinsamen Erfolg an einem Strang gezogen haben. Fußball verbindet. Das war früher so und wird auch immer so bleiben.

Lother Ullsaß // Mittelfeld // Eintracht Braunschweig

Lothar war Mitglied der legendären Braunschweiger Meistermannschaft 1967. Er war über viele Jahre der spielbestimmende Spieler dieser Mannschaft und wurde auch außerhalb des Platzes sehr geachtet. Ein überragender Mittelfeldstratege und ein echter Knipser. Dank seiner Dribbelstärke, seiner Schlitzohrigkeit und seiner Zielstrebigkeit nach vorne hat er viele Tore gemacht.

Leonardo Cuéllar // Mittelfeld // San Diego Sockers

Cuéllar ist das bunte Element in meiner Traumelf. Er war damals der Nationalheld der Mexikaner. Zu jedem unserer Heimspiele sind ganze Heerscharen von Mexikanern mit Bussen angefahren gekommen, nur um ihn spielen zu sehen. Er war ein hervorragender Fußballer, der perfekt mit dem Ball umgehen konnte. Sein Markenzeichen war seine Frisur, mit der er Paul Breitner in nichts nachstand.

Bernd Gersdorff // Offensives Mittelfeld

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Fußballprofi werde. In der Jugend fand ich die anderen immer besser als mich, vor allem technisch. Ich bin mehr über die Physis gekommen. Ich war laufstark, schnell und hatte Durchsetzungskraft. Richtig Fußballspielen habe ich erst später gelernt. Meine besten Positionen waren Stürmer und offensiver Mittelfeldspieler. Ich war aber nie ein großer Dribbler, auch deswegen hat es bei den Bayern für mich letztlich nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte, weil ich dort als Linksaußen eingesetzt wurde, was mir nicht richtig lag. Trotzdem blicke ich auf eine wunderbare Karriere zurück.

Bernd Gersdorff mit Franz Beckenbauer und Johan Cruyff in den USA

Danielo Popivoda // Rechtsaußen // Eintracht Braunschweig

Popivoda ist für mich einer der besten Rechtsaußen aller Zeiten, eine Kategorie mit Stan Libuda. Popi ist wohl der beste Legionär, der jemals bei der Eintracht gespielt hat. Schnell, dribbelstark und unheimlich torgefährlich. Er war Jugoslawe und kam damals gemeinsam mit Alexander Ristic nach Deutschland. Unser damaliger Trainer Branko Zebec – ebenfalls Jugoslawe – hatte ihn nach Braunschweig geholt. Ein Glücksgriff für den Verein.

Gerd Müller // Mittelstürmer // Bayern München

So einen wie Gerd wird es nie wieder geben. Ein fantastischer Mensch und ein absoluter Ausnahmestürmer. Seine Torquote spricht für sich. Mit seinen kurzen Beinen war er unglaublich schnell und wendig. Er blieb im Prinzip die ganze Zeit vorne und hat am laufenden Band Tore geschossen. Mit der Achse Maier-Beckenbauer-Müller haben die Bayern viel durch die Mitte gespielt, das kam seinem Spiel entgegen. Ich erinnere mich nur an ein einziges Spiel, in dem er sich nach hinten hat fallen lassen. Im Hinspiel vom ersten deutsch-deutschen Europacup-Spiel gegen Dynamo Dresden 1973 hatten wir das Hinspiel nur knapp mit 4:3 gewonnen. Im Rückspiel hat sich Dresden dann komplett auf Müller fixiert. Aber Gerd hat sich auf Geheiß von Trainer Udo Lattek einfach nach hinten fallen lassen, so dass der verdammt schnelle Uli Hoeneß in die freien Räume laufen und die Kontertore machen konnte. So wird wir dann doch noch souverän in die nächste Runde eingezogen.

George Best // Linksaußen // San Jose Earthquakes

George war ein Unikum, ein besonderer Mensch. Es war eine Freude, mit ihm auf dem Platz stehen zu dürfen. Auch wenn er den den USA schon über seinen Zenit hinaus war, konnte er immer noch dribbeln wie kein Zweiter. Er war stets lustig und hat Späße gemacht. Zudem war er ein Kumpeltyp und auch ziemlich trinkfest. Außerhalb vom Training in den Spielen haben wir ihn aber nur selten gesehen. Weil seine damalige Freundin, eine Musikerin, in L.A. lebte, ist er meist direkt nach dem Abpfiff zum Flughafen abgerauscht. Dadurch fehlte er auch oft beim Training, aber das wurde damals nicht so streng geahndet.

Meine Ersatzbank

Horst Wolter // Torwart // Hertha BSC
Dieter Zembski // Abwehr // Eintracht Braunschweig
Franz Merkhofer // Abwehr // Eintracht Braunschweig
Franz “Bulle” Roth // Mittelfeld // Bayern München
Max Lorenz // Mittelfeld // Eintracht Braunschweig
Erich “Ete” Beer // Sturm // Hertha BSC

Karriere-Insights

Mein bester Trainer

Branco Zebec hat nicht viel geredet. Aber was er gesagt hat, das stimmte. Er war ein richtiger Psycho-Zauberer und hat uns immer auf Flamme gehalten. 1974 hat er bei Eintracht Braunschweig einen Wandel im Spielsystem initiiert. Anstatt wie bisher mit klaren Zuteilungen immer nur Mann gegen Mann spielen zu lassen, hat er die Raumdeckung eingeführt, wobei die Gegenspieler übergeben wurden. Heute ist das üblich, damals war es revolutionär. Seine logische Überlegung dahinter: Wenn wir den Ball haben, müssen die Spieler mit ihren individuellen Fähigkeiten in der für sie besten Position sein. Ich erinnere mich, wie er zu unserem Verteidiger Franz Merkhofer sagte: “Warum du laufen dem Stürmer über den ganzen Platz hinterher? Wenn er Tor schießen will, dann er kommt in deine Richtung. Du kannst hinten auf ihn warten.” Für unsere Mannschaft hatte er damit ein perfektes System gefunden, denn er hat dafür gesorgt, dass jeder Spieler seine Stärken bestmöglich ins Team einbringen konnte. Dank der neuen Taktik hatte es dann auch endlich ein Ende, dass ich in den Spielen gegen den HSV ständig Manni Kaltz hinterherlaufen musste.

Wenn Zebec nach dem Spiel von Journalisten nach seiner Taktik gefragt wurde, hat er sie erstmal so angeguckt, dass die sich kaum noch getraut haben, einen Mucks von sich zu geben. Und dann hat er geantwortet: “Was soll ich erzählen Ihnen über Taktik? Auf der einen Seite Ball geht vom Innenpfosten rein, auf der anderen Seite er springt wieder raus. Das ist Fußball.

Mein Tor-Rekord in Braunschweig

In der Saison 1973/1974 war ich bei Bayern Stammspieler, aber Trainer Udo Lattek und ich hatten nicht das beste Verhältnis zueinander. Daher bin ich mitten in der Spielzeit zurück zur Eintracht gewechselt. Damals gab es noch keine 2. Bundesliga, sondern nur die Regionalligen. In den verbleibenden 19 Spielen habe ich 35 Tore geschossen und wurde damit Torschützenkönig. In der Aufstiegsrunde habe ich weitere sieben Buden gemacht und wir sind aufgestiegen. Die Quote hätte sogar Gerd Müller beeindruckt.

Nach meiner Rückkehr von München nach Braunschweig entstand auch die berühmte Jägermeister-Werbung mit mir.

Bernd Gersdorff macht Werbung für Jägermeister
Bild: Jägermeister-Werbung mit Bernd Gersdorff

Mein Wechsel in die North American Soccer League (NASL)

Es war etwas Zufall dabei, denn damals gab es ja noch keine Spielerberater. Ich stand Ende der 1970er bei Hertha BSC unter Vertrag, als wir für ein Intertoto-Spiel in der Schweiz waren. Nach der Partie kam Peter Stubbe auf mich zu, mein ehemaliger Mitspieler bei meinem Heimatverein Tennis Borussia Berlin. Er war ein Weltenbummler und hatte unter anderem in Südamerika gespielt. Er verriet mir, dass er demnächst Trainer bei San Jose werden würde und dass er mich dort unbedingt in seinem Team haben wolle. Weil Hertha damals knapp bei Kasse war, konnte ich etwas später unkompliziert in die USA wechseln, obwohl ich offiziell noch bei der Hertha unter Vertrag stand. So kam ich erst nach San Jose, wo ich auch Mannschaftsführer wurde, und bin später noch für ein paar Monate nach San Diego gegangen.

Meine Karriere nach der Karriere

Als ich bei San Diego war, habe ich ein Angebot von Adidas bekommen, dort zu arbeiten. Daraufhin habe ich meine Zelte in Amerika im Alter von 33 Jahren abgebrochen. Das war für mich der optimale Zeitpunkt, um meine aktive Karriere zu beenden.

Danach habe ich aber noch regelmäßig mit Uwe-Seeler in der DFB-Traditionsmannschaft gespielt. Als ich ein junger Spieler war, war er mein Idol. Er ist wohl beste Charakter, den es unter allen Fußballen jemals gegeben hat. Etwas kurios war, dass er zwar in der Traditionsmannschaft mein Kapitän war, ich bei Adidas aber sein Chef gewesen bin. Wir haben damals zusammen den Außendienst und den Vertrieb gemanagt und sind in der Zeit richtig gute Freunde geworden. Später wurde ich Pressesprecher und Direktor bei der Salzgitter AG. Auch privat hatte ich mit meiner Frau und meinen drei Kindern großes Glück.

Der Werdegang von Bernd Gersdorff

Jahre Verein Spiele (Tore)
1965–1969 Tennis Borussia Berlin 100 (45)
1969–1973 Eintracht Braunschweig 130 (22)
1973 Bayern München 12 (2)
1973–1976 Eintracht Braunschweig 93 (64)
1976–1980 Hertha BSC Berlin 67 (6)
1979–1980 San Jose Earthquakes 35 (11)
1980 San Diego Sockers 11 (5)

Fotocredits: Bernd Gersdorff

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