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In seinen 17 Jahren als Manager von Werder Bremen hat Willi Lemke große Erfolge gefeiert und unzählige Spieler verpflichtet. Hier blickt er auf seine Zeit an der Weser zurück und bildet dabei seine Traumelf aus seinen wichtigsten und erfolgreichsten Transfers. Dabei erinnert er sich an Hahnenkämpfe zwischen Andy Herzog und Torsten Frings, das größte Schnäppchen in der Geschichte des Vereins sowie an eine eklatante Fehleinschätzung von Felix Magath. Außerdem spricht er über die Zusammenarbeit mit Trainer-Legende Otto Rehhagel und dessen besondere Rolle für den ganzen Verein.

Die Traumelf von Willi Lemke

Taktische Aufstellung


Willi Lemke über…

Oliver Reck // Torwart

Oliver Reck war ein erstklassiger Torwart, wurde aber leider in der Öffentlichkeit unterschätzt. Er ist der erfolgreichste Torhüter unserer Vereinsgeschichte und war über zehn Jahre lang ein ganz wichtiger Rückhalt unserer Mannschaft.

Leider hat sein Image darunter gelitten, dass er nach einer unglücklichen Aktion, bei dem der Ball vom Pfosten an seinen den Kopf und von dort ins Tor kullerte, von einer großen deutschen Boulevard-Zeitung als »Pannen-Olli« tituliert wurde. Das hat mich total wütend gemacht! Schließlich gibt es keinen Torwart, der fehlerfrei ist, wenn ich zum Beispiel an Oliver Kahn denke, der bei unserem großartigen Sieg 2004 im Olympiastadion Ivan Klasnic auf allen Vierer hinterher gekrabbelt ist. Doch Olli Reck hatte das nötige Selbstvertrauen, um sich von solchen Überschriften nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und seine Leistung konstant abzurufen.

Marco Bode // Linker Verteidiger

Über ein Jahrzehnt hat Marco Bode bei uns einen feinen, schnellen Fußball gezeigt und in der Zeit viele wichtige Tore für uns geschossen. Mit seinen 101 Treffern steht er auf Platz 2 der ewigen Torschützenliste von Werder. Vom Außenverteidiger bis zum Stürmer konnte er alles spielen und hat sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Außerdem ist er ein außergewöhnlich fairer Spieler gewesen. Seine Gelben Karten kann man gefühlt an einer Hand abzählen.

Darüber hinaus hat Marco der Mannschaft mit seinem positiven und einwandfreien Charakter sehr gutgetan. Anders als von dem einen oder anderen Fußballer gab es bei Marco nie Skandale oder andere Auffälligkeiten. Marco ist uns immer treu geblieben und ein Vorzeige-Werderaner. Ich bin froh, dass er heute bei uns als Aufsichtsratsvorsitzender in der Führungsriege von Werder sitzt.

Rune Bratseth // Innenverteidiger

Rune Brathseth ist einer der besten Spieler in der Geschichte von Werder Bremen. Er hatte für einen Verteidiger eine außergewöhnlich gute Technik, war enorm kopfballstark und unglaublich schnell. Dank seiner Schnelligkeit konnte er jeden Stürmer einholen oder ablaufen und hat sie dann mit einer Leichtigkeit fair vom Ball getrennt.

Es war einer der besten Transfers, die ich für Werder eingetütet habe und zudem ein echtes Schnäppchen. Ich erinnere mich noch gut an die Verhandlungen im Jahr 1986 mit den Vertretern von Rosenberg Trondheim. Vorstand, Manager und Juristen – ich saß einer großen Gruppe gegenüber. Die wollten das drei- oder vierfache von dem, was ich zu zahlen bereit war. Doch ich war bestens vorbereitet und hatte im Vorfeld auch schon alles mit Rune besprochen, sodass ich mich letztlich mit meinen Vorstellungen durchsetzen konnte. Aber natürlich wäre für einen Spieler seiner Klasse eine weitaus höhere Ablösesumme absolut gerechtfertigt gewesen.

Bruno Pezzey // Innenverteidiger

Bruno Pezzey kam 1983 von Eintracht Frankfurt zu uns und wurde schnell ein absoluter Führungsspieler. Mit seiner körperlichen Präsenz, Zweikampfstärke und großen Gelassenheit war er ein großer Stabilisator unserer Defensive. Innerhalb des Teams war Bruno eine Stimmungskanone, ohne albern oder ein Kaspar zu sein. Mit seinem trockenen Humor und guten Sprüchen hat er uns regelmäßig herzlich zum Lachen gebracht.

Die Nachricht seines plötzlichen Herztods bei einem Eishockeyspiel Ende 1994 mit nur 39 Jahren hat uns alle sehr traurig gemacht. Bruno steht auch deswegen in meiner Traumelf, weil ich oft und gerne an ihn zurückdenke.

Günter Hermann // Rechter Verteidiger

Günter Hermann war ein glänzender Spieler und stand 1990 zu Recht im WM-Kader, war allerdings nie der Liebling der Medien. In der Abwehr und im Mittelfeld hat er hervorragende Leistungen gezeigt und traumhafte Treffer für uns erzielt. Sein Tor in den Winkel bei unserem legendären 5:0-Sieg, dem »Wunder von der Weser« im Jahr 1988 gegen Dynamo Berlin, habe ich heute noch vor Augen.

Video: Günter Herrmann trifft zum 2:0 gegen Dynamo Berlin

Dieter Eilts // Defensives Mittelfeld

Dieter Eilts kam 1984 als 19-Jähriger zu uns und beendete seine Karriere 2002 als Werder-Legende. Didi war unser Mr. Zuverlässig und ein Führungsspieler mit einem klaren Kopf. Er hatte maßgeblichen Anteil an unseren großen Erfolgen und ist daher aus meiner Traumelf nicht wegzudenken. Nicht nur für Werder hat unser Ehrenspielführer immer wieder aufs Neue erstklassige Leistungen abgeliefert, sondern auch beim EM-Sieg der Deutschen Nationalmannschaft 1996 in England. Heute arbeitet er mit großem Engagement in Bremen an einer Schule.

Torsten Frings // Defensives Mittelfeld

Thorsten Frings haben wir 1997 aus Aachen zu uns geholt. Unsere Hoffnungen in ihn haben sich voll erfüllt. Er hat sich bei uns zum Leader entwickelt und wurde auch in der Nationalmannschaft zum unumstrittenen Stammspieler.

Torsten strotze von Anfang an vor Selbstbewusstsein und war trotz seiner Jugend sehr präsent. Als er sich auch noch einen Porsche gekauft hat, wurde er von Andy Herzog einmal im Training angepfiffen und »Lutscher« getauft, was im österreichischen eine Bezeichnung für »Kleinkind« ist. Damit hatte er den Spitznamen weg, denn wer als Neuling so dicke Backen macht, muss sich nicht wundern. Aber Torsten hat das locker aufgenommen. Solche Hahnenkämpfe zwischen dem jungen Wilden und etablierten Führungspersönlichkeiten gehören beim Fußball nun mal dazu.

Andreas Herzog // Offensives Mittelfeld

Aus den vielen richtig guten offensiven Mittelfeldspielern, die wir schon in Bremen hatten, sticht Andy Herzog für mich hervor. Er war eine Führungspersönlichkeit und ein unheimlich eleganter Fußballer, der unsere Fans nicht nur mit seinen Freistoßtoren verzückt hat. Mit seinem Charisma war er ein großer Sympathieträger.

Als Andy uns 1995 Richtung München verlassen hat, waren nicht nur unsere Fans traurig, sondern auch wir in der Führungsriege. Wir kamen alle super mit ihm klar. In der folgenden Saison war er mit den Bayern bei uns zu Gast. Als er aus den Katakomben ins Stadion kam, brandete Applaus auf. Andy hat zunächst gar nicht realisiert, dass der Jubel der Fans ihm gegolten hat, schließlich war er doch ausgerechnet zum großen Konkurrenten gewechselt. Doch unsere Fans haben sich unheimlich gefreut, ihn wiederzusehen. Später sagte Andy mir, dass das der Moment war, in dem er sich gefragt hat, wie er möglichst schnell wieder zurück nach Bremen kann. Und tatsächlich ist uns zur neuen Saison die Rückholaktion gelungen.

Mario Basler // Offensives Mittelfeld

Mario Basler war das Gegenteil von einem Führungsspieler, sondern ein hochbegabter Hallodri. Doch auch solche Typen braucht man in einer Mannschaft. Mario galt als kein einfacher Spieler und ist bereits in Kaiserslautern und bei Hertha BSC durch seine Launen aufgefallen. Wir haben aber kein Problem darin gesehen, ihn zu verpflichten, sondern haben voll darauf vertraut, dass unser Trainer Otto Rehhagel ihn in die richtige Spur bringt. Mario war nicht einfach zu führen, doch wir hatten vor ihm schließlich schon andere Spieler im Kader, die nicht besonders pflegeleicht waren und trotzdem eine wertvolle Rolle gespielt haben. Dabei denke ich zum Beispiel an Uwe Reinders oder Uli Borowka.

Mario war ein Ausnahmespieler und konnte aus unmöglichen Winkeln Tore schießen. Sogar Eckbälle hat er direkt verwandelt. Eine meine liebsten Erinnerungen an ihn stammen aus einem Freundschaftsspiel in der Saisonvorbereitung gegen Eintracht Braunschweig. Bis zur 90. Minute stand es 0:0, als wir an der Strafraumgrenze einen Freistoß zugesprochen bekommen haben. Mario saß mir offenen Schuhen auf der Bank, als Trainer Aad de Mos sich zu ihm drehte und sagte: »Mario, haust du ihn rein oder was?« Die beiden haben dann sogar noch eine Wette abgeschlossen. Bei seiner Einwechslung hat sich Mario am Spielfeldrand noch betont langsam die Schuhe zugebunden. Die Eintracht-Fans pfiffen wie verrückt, doch schließlich ist Mario angelaufen und hat den Ball locker versenkt! (lacht)

Rudi Völler // Sturm

Rudi Völler war einer der ersten großen Spieler, die nach meinem Einstieg als Manager von Werder Bremen unter Vertrag nehmen durfte. Der Transfer lief mit ihm und seinem Verein TSV 1860 München reibungslos ab. Rudi war damals gerade mal 20 Jahre alt. Fußballerisch waren wir total von Rudi überzeugt, aber er war so bescheiden, ruhig und zurückhaltend, dass ich mich gefragt habe, was wohl mal aus ihm werden wird. Wenn ich aber heute sehe, was für eine Weltkarriere er hingelegt hat und was für ein Sympathieträger er auf der ganzen Welt ist, bin ich schwer beeindruckt. Im deutschen Fußball steht er für mich auf einer Stufe mit Uwe Seeler und Franz Beckenbauer.

In seiner Zeit bei uns war Rudi ein Torgarant. Von 1992 bis 1997 hat er in der Bundesliga im Schnitt fast 20 Tore pro Saison geschossen. Dazu kamen große Nächte im Europapokal. Leider ist es ihm nicht vergönnt gewesen, mit Werder einen Titel zu gewinnen, auch wir ein paar mal ganz dicht dran waren.

Besonders hat es mich gefreut, dass Rudi nicht zu den Bayern gewechselt ist. Er sagte mal zu mir, dass die ihm noch so viel bieten könnten, es für ihn aber nicht zur Diskussion stehen würde. Neben der Rivalität zwischen den Vereinen lag das auch an der Geschichte rund um das böse Foul von Klaus Augenthaler, wodurch Rudi schwer verletzt wurde und mehrere Monate ausgefallen ist.

Ailton // Sturm

Ailton war meine letzte große Verpflichtung. Der Transfer ging auf eine Empfehlung unseres damaligen Trainers Wolfgang Sidka zurück. Wir wollten ihn schon ein Jahr vorher nach Bremen lotsen, doch stattdessen ist er von Brasilien nach Mexiko gegangen. 1998 ergab sich für uns aber eine neue Chance, sodass ich den Urlaub mit meiner Familie unterbrochen habe und direkt nach Mittelamerika geflogen bin. Nach drei Tagen zähen Verhandlungen ging der Transfer schließlich über die Bühne. Unser gemeinsamer Flug nach Deutschland war etwas kurios, denn »Toni« sprach kein Wort Englisch und ich kein bisschen Portugiesisch. So bestand unsere einzige Konversation auf der langen Reise neben Zeichensprache lediglich aus »Bremen bien«.

Im Verein waren wir sehr glücklich, dass uns der Transfer gelungen war. Doch nach dem Trainerwechsel von Sidka zu Magath wollte Felix ihn loswerden. Er kam in mein Büro und meinte: »Der Dicke muss weg, er ist viel zu langsam.« Doch im Präsidium waren wir uns unisono darin einig, dass wir gar nicht daran denken, Toni zu verkaufen. Nachdem wir über ein Jahr an dem Transfer gearbeitet hatten, wollten wir ihn nach ein paar Monaten auf keinen Fall einfach so wieder ziehen lassen, zumal wir von seiner Qualität überzeugt waren. Glücklicherweise haben wir so entscheiden, denn Ailton hatte uns 2004 mit seinen Toren zur Deutschen Meisterschaft und zum DFB-Pokalsieg geschossen. Zu dem Zeitpunkt stand ich zwar nicht mehr in der Verantwortung als Manager, aber es hat mich sehr für ihn und natürlich den ganzen Verein gefreut!

Meine Ersatzbank

Es gibt noch viele weitere Spieler, die einen Platz in meiner Traumelf verdient hätten. Einige davon sollen zumindest hier kurz Erwähnung finden:

Frank Rost // Torwart
Jonny Otten // Abwehr
Mirko Votava // Mittelfeld
Klaus Allofs // Mittelfeld
Frank Neubarth // Sturm
Wynton Rufer // Sturm
Karl-Heinz Riedle // Sturm

Video: Willi Lemke über sein Verhältnis zu Uli Hoeneß

Mein Einstieg als Manager bei Werder Bremen

Mein Einstieg als Werder-Manager ist eine lange Geschichte, kam anfangs aber zufällig zustande. Durch meine enge Freundschaft zu Werder-Präsident Dr. Franz Böhmert hatte ich zwar eine große Nähe zum Verein, trotzdem hatte ich es nicht auf dem Zettel, selbst bei Werder einzusteigen. Doch als Werder auf der Suche nach einem Manager war, sprach mich die Frau des Vizepräsidenten Klaus-Dieter Fischer auf einer gemeinsamen Auslandsreise an, ob der Job nicht etwas für mich wäre. Daraus wurden letztlich 17 wunderbare Jahre mit drei Pokalsiegen, zwei Meisterschaften und dem Europapokalsieg der Pokalsieger im Jahr 1992.

Die Zusammenarbeit mit Otto Rehhagel

Als ich meinen Job 1981 angetreten habe, war Otto schon ein halbes Jahr vorher von Franz Böhmert als Trainer verpflichtet worden. Otto und ich kannten uns zum damaligen Zeitpunkt noch nicht persönlich, doch die Zusammenarbeit zwischen uns hat von Anfang an sehr professionell funktioniert. Es passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Zum einen haben wir uns menschlich bestens verstanden, und zum anderen waren die Aufgaben und Kompetenzbereiche klar abgesteckt. Im sportlichen Bereich hatte Otto das alleinige Sagen.

In meinen fast zwei Jahrzehnten als Manager habe ich unzählige Spieler verpflichtet. Ein ausgeklügeltes Scouting-System, wie es heute üblich ist, hat es in den 1980ern Jahren jedoch nicht gegeben. Unser Scout war Otto Rehhagel. Er hatte sich die Spieler ausgeguckt und ist dann mit seinen Wünschen an das Präsidium herangetreten. Ich war letztlich nur noch das ausführende Organ. Von daher schreibe ich mir die erfolgreichen Transfers nicht auf meine Fahne, sondern sie sind vielmehr der Verdienst von Otto gewesen.

Bemerkenswert war auch, dass Otto mit Karl-Heinz “Kalli” Kamp nur einen Co-Trainer hatte, der noch gleichzeitig Amateur- und Torwarttrainer war. Das unterstreicht, dass er nicht nur eine außergewöhnliche fußballerische Sachkenntnis hatte, sondern auch unglaublich fleißig und akribisch für die Erfolge von Werder gearbeitet hat. Otto war damals die mit Abstand wichtigste Person im Verein.


Die Traumelf weiterer Fußball-Legenden