Dragoslav Stepanovic

Dragoslav Stepanovic

So wie Dragoslav Stepanovic als Spieler und Trainer eine Erscheinung war, so ist es auch seine persönliche Traumelf. Bei seiner Aufstellung mit Schützlingen aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen schnalzt jeder Fußballfan mit der Zunge. Zudem spricht Stepi über den „Fußball 2000“ der Eintracht sowie über das denkwürdige Saisonfinale 1992, bei dem Frankfurt eine der schwerwiegendsten Fehlentscheidungen der Bundesligageschichte hinnehmen musste.

Die Traumelf von Stepi

Taktische Aufstellung

Dragoslav Stepanovic - Traumelf-Aufstellung

Uli Stein // Torwart // Eintracht Frankfurt

Es gab in den 1980ern die Diskussion, wer der bessere Torwart ist: Toni Schumacher oder Uli Stein. Für mich war es eindeutig Uli! Er war ein Gewinnertyp, der immer seinen Teil zum Sieg der Mannschaft beitragen wollte. Auf der Bank konnte er das nicht. Darum war es für ihn als Nr. 2 in der Nationalmannschaft so schwierig.

Uli war ein überragender Torwart, der für sein Spiel nur wenigen Bewegungen brauchte. Er hat keine unnötigen Aktionen gemacht, nicht spekuliert und ist nicht auf die Finten der Stürmer reingefallen, sondern ist immer so lange wie möglich stehen geblieben. Damit hat er es den Stürmern sehr schwer gemacht. Es stand noch mit 40 Jahren in der Bundesliga auf dem Platz, mit seiner Spielweise hätte er sogar locker bis 50 spielen können.

Ioan Lupescu // Rechter Verteidiger // Bayer Leverkusen

In meiner Traumelf stelle ich Lupesco als rechten Verteidiger auf, auch wenn er in Leverkusen mein Libero war. Ion war eine starke Persönlichkeit und ein fantastischer Fußballer, der den Spielaufbau mit seinem überragenden Spielverständnis von hinten organisiert. In der Defensive hatte er ein ausgeprägtes Gespür hatte, wo es brenzlig werden könnte – und genau dort war er dann zur Stelle. Dank seiner überragenden Technik musste ich an der Seitenlinie nie Angst haben, dass er einen Fehler macht oder eine Situation nicht lösen könnte.

Jens Melzig // Innenverteidiger // Bayer Leverkusen

Jens ist der beste Zweikampfspieler, den ich je kennengelernt habe, sein Spiel im Mann gegen Mann war phänomenal. Er war knallhart, aber trotzdem fair. Wenn er in den Zweikampf eingestiegen ist, sah es zu Beginn der Aktion oft so aus, als ob sein Gegner dabei ernsthaft zu Schaden kommt. Doch am Ende der Aktion hat er den Ball gehabt, ohne ein Foul begangen zu haben.

Technisch war Melzig weniger begabt, aber er hatte auch keinerlei Ambitionen, das Spiel zu machen oder in der Offensive zu glänzen. Ihn hat nur interessiert, vom Gegner den Ball zu erobern.

Markus Happe // Innenverteidiger // Bayer Leverkusen

Als zweiter Innenverteidiger fällt mir die Wahl zwischen Manni Binz, Christian Wörns, Uwe Bindewald und Markus Happe sehr schwer. Binz war der beste Kopfballspieler und sehr diszipliniert. Wörns habe ich den „Killer mit dem Kindsgesicht“ genannt, weil er zwar brav aussah, im Zweikampf aber verdammt hart zur Sache gegangen ist. Bindewald war der schnellste Spieler, doch bei ihm haperte es an der Technik, so dass die Teamkollegen in scherzhaft „Zico“ genannt haben.

Ich entscheide mich schließlich für Markus Happe. Von den genannten Spielern trägt er vielleicht den unbekanntesten Namen, aber für die Mannschaft und für mich als Trainer war er enorm wichtig. Happe war ein kompletter Verteidiger, der sich voll in den Dienst der Mannschaft gestellt hat: groß, ruhig am Ball, aggressiv im Zweikampf und mit Qualitäten im Spielaufbau. Mit seinen Fähigkeiten konnte in der Defensive auf alle Positionen spielen und hat das auch ohne zu Murren gemacht, egal wo ich ihn aufgestellt habe.

Ralf Weber // Linker Verteidiger // Eintracht Frankfurt

Eine ganze Weile, bevor ich als Trainer zur Eintracht kam, ist mir Ralf Weber bei den Kickers Offenbach aufgefallen. Daraufhin haben ich meine Freunde bei der Eintracht angerufen und gesagt: „Da ist ein Linksfuß, den ihr unbedingt verpflichten müsst. Der wird eine große Karriere machen.“ Ralf war ein Siegertyp mit einer überragenden Einstellung. Auf dem Platz hat er 90 Minuten Gas gegeben, war immer in Bewegung und hat die Gegner damit vor arge Probleme gestellt. Trotz seiner Größe von fast zwei Metern war er auch noch ein richtig guter Techniker.

Weber war ein durch und durch fairer Sportsmann, der nie einen Elfmeter geschunden hätte. Ausgerechnet ihm wurde in der Saison 1991/92 am letzten Spieltag bei Hansa Rostock in freistehender Position ein glasklarer Elfmeter verwehrt, so dass wir die Meisterschaft verpasst haben. Ich werde nie vergessen, wie sauer er direkt nach dem Abpfiff auf den Schiri war und ihn zur Rede stellen wollte.

Bernd Schuster // Linkes Zentrales Mittelfeld // Bayer Leverkusen

Bevor Schuster zu uns kam, haben wir ihn gescoutet. Dabei fiel auf: Obwohl er sich recht wenig bewegte und vergleichsweise langsam war, hatte er in jedem Spiel 80 bis 130 Ballkontakte. Seine größte Fähigkeit war, aus jeder Situation zentimetergenaue Pässe zu spielen, ohne sich den Ball erst vorzulegen oder auf einen anderen Fuß wechseln zu müssen. Links oder rechts, mit dem Innen – oder mit dem Außenrist, er konnte alles!

Ich hatte Schuster mal in einem Spiel gegen den KSC ausgewechselt, worüber er sehr unzufrieden war. Im nächsten Spiel gegen Nürnberg war er wieder richtig schlecht. Wir lagen 0:2 zurück und ich wollte ihn schon vom Platz holen. Doch dann spielte er drei Zuckerpässe und wir gewannen dadurch noch 3:2. Am nächsten Tag beim Training sagte er in der Kabine zu mir: “Auch wenn ich in einem Spiel schon 100 Fehlpässe gemacht habe. Ich habe keine Angst davor, von den Fans ausgepfiffen zu werden oder einen weiteren Fehlpass zu spielen. Ich werde immer den Ball fordern. Das unterscheidet mich von den anderen Spielern.” Aufgrund dieser Fähigkeit wurde er in Spanien “Panzer” genannt. Seit diesem Tag habe ich ihn nie mehr ausgewechselt, weil er unserem Spiel immer noch einen Impuls geben konnte.

Als Typ war Schuster ein Eigenbrötler. Nach dem Training war er schon auf dem Weg nach Hause, noch bevor der letzte Spieler in der Kabine war.

Uwe Bein // Rechtes Zentrales Mittelfeld // Eintracht Frankfurt

Uwe Bein wirkte auf den ersten Blick recht unscheinbar, doch wer ihn deshalb unterschätzt hat, sollte es bereuen. Er war in Frankfurt das Gehirn meiner Mannschaft und der beste Spielmacher, den ich je trainiert habe. Er war flink, brauchte seine Schnelligkeit eigentlich gar nicht, denn er hat das Spiel mit seinen Pässen schnell gemacht. Mit seinen Ideen war er für den Gegner kaum auszurechnen. Er hat den Stürmern die Bälle genau so serviert, wie sie ihn brauchten. Vor allem mit Yeboah hat er sich blind verstanden. Egal wo Tony hinlief, er konnte sich darauf verlassen, dass Uwe ihm den Ball genau dorthin serviert, selbst durch drei, vier, oder sogar fünf Spieler hindurch.

Andreas Möller // Offensives Mittelfeld // Eintracht Frankfurt

Als junger Spieler war Möller so dünn, dass viele Zweifel hatten, ob aus ihm ein richtiger Fußballer werden könne. Doch mit der Zeit hat er sich zu einem Spieler entwickelt, auf den ganz Europa geschaut hat. Florenz, Turin, Mailand, Madrid – zu meiner Zeit bei der Eintracht gab es fast jeden Tag neue Spekulationen, welcher Spitzenverein in verpflichten will. Es war damals keine glückliche Situation, dass Eintracht-Manager Klaus Gerster gleichzeitig der Berater von Möller war. Aber Andy war sehr professionell, auf die direkte Zusammenarbeit mit mir als Trainer hat sich das nicht ausgewirkt.

Tempo, Technik, Passspiel, Torgefahr – von den Anlagen her hat Möller alles mitgebracht, für mich war er einer aus der Kategorie Beckenbauer und Netzer. Mit seinen Fähigkeiten konnte er jeden Gegner auseinandernehmen. Es war technisch perfekt und der schnellste Spieler, den ich je gesehen habe. Wenn er schon in jungen Jahren bei einem absoluten Top-Klub gespielt hätte, wäre er vielleicht ein noch größerer Star geworden. Nichtsdestotrotz hat er im Fußball fast alle Titel geholt, die es zu gewinnen gab. Dass er in der Nationalmannschaft nicht ganz so stark aufgetrumpft hat wie in seinen Vereinen, lag meiner Meinung nach daran, dass er dort oft nicht auf seiner besten Position gespielt hat und das Spiel nicht so auf ihn zugeschnitten war.

Andreas Thom // Linker Angreifer // Bayer Leverkusen

Für mich war Andreas Thom in der Offensive unersetzbar. Als Trainer war es für mich einfach, weil es ihm vollkommen egal war, auf welcher Seite er gespielt hat, er konnte mit rechts und links flanken.

Andy war leichtfüßig, außergewöhnlich trickreich und verdammt schnell. Normalerweise geht den Spielern die Ballkontrolle flöten, wenn sie schneller werden. Nicht so bei Andy. Selbst im Vollsprint hatte er eine bessere Ballkontrolle als die meisten anderen Spieler im langsamen Tempo.

Er hat der Mannschaft aber nicht nur auf dem Platz gutgetan, sondern auch darüber hinaus. Er war wichtig für die Atmosphäre im Team und hat mit seiner positiven Art für Stimmung gesorgt. Wäre der Mauerfall schon ein paar Jahre eher gewesen, hätte er sicher auch in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft eine größere Rolle gespielt.

Antony Yeboah // Mittelstürmer // Eintracht Frankfurt

Tony war ein sehr positiver Typ, hat viel gelacht und wusste das Leben auch zu genießen. Jedesmal, wenn er von seinen Heimaturlauben aus Ghana zurückkam, hatte er zehn Kilo zu viel auf der Waage, die er in der Vorbereitung aber problemlos wieder abtrainiert hat.

Yeboah war der beste Stürmer, den ich je trainiert habe. Er konnte dribbeln, hatte eine unglaubliche Schusskraft und war mit seinem muskulärem Körper auch im Kopfballspiel sehr präsent. Wenn er mit seinen 90 Kilogramm Fahrt aufgenommen hat, war er nicht mehr zu stoppen.

Rudi Völler // Rechter Angreifer // Bayer Leverkusen

Rudi kam damals aus Marseille zurück nach Deutschland. Im Training war er nicht der Fleißigste, aber im Spiel immer voll dabei! Vor allem wenn er einen guten Spielmacher hinter sich hatte, hat er mit seiner Kaltschnäuzigkeit verlässlich seine Tore gemacht.

Rudi, der Liebling der Nation, konnte aber auch grantig werden. Im UEFA-Cup-Spiel gegen Parma musste ich mich aus taktischen Gründen zwischen ihm und Bernd Schuster entscheiden. Als ich ihm mitgeteilt habe, dass er zunächst nur auf der Bank sitzt, ist er richtig sauer geworden und schrie mich an: “Warum stellst du nicht gleich einen zweiten Torwart ins Tor, wenn du so defensiv spielen willst?” Auch wenn das für mich als Trainer keine einfache Situation war, habe ich es ihm nicht übel genommen. Er war meinungsstark, konnte eine Mannschaft führen und war ein Siegertyp. Darum wäre Rudi in dieser Traumelf auch der legitime Kapitän.

Der 12. Mann: Jay Jay Okocha

Mein erster offensiver Einwechselspieler wäre Jay Jay Okocha. Es war ein begnadeter Techniker und Trickser. Bei einem Vorbereitungsturnier in Leipzig kam er auf mich zu und fragte, ob er die Gegner mal so richtig aufmischen darf. Er durfte. Kein Zuschauer hat es mehr auf seinen Sitz gehalten, so etwas hatten sie noch nicht gesehen.

Mir ist Okocha bereits aufgefallen, als ich noch als Trainer von Eintracht Trier ein Spiel von Borussia Neunkirchen angeschaut hatte. Jay Jay dribbelte mehrere Leute aus und hat aus 25 Metern einen unfassbaren Schuss abgelassen. Der Ball ging zwar knapp vorbei, doch hinter dem Tor stand eine Betonwand. Sein Schuss war so hart, dass der Ball bis zur Mittellinie zurückgeflogen ist! Sofort nach dem Spiel habe ich beim damaligen Eintracht-Präsident Bernd Hölzenbein angerufen: „Holz, ich habe einen Spieler für dich!” Gleich in seinem ersten Einsatz als Einwechselspieler gegen im Spiel gegen Werder Bremen hat Okocha die Hintermannschaft ordentlich aufgemischt und stand drei mal allein vor dem Tor.

Was diese Mannschaft erreichen könnte

Von den Namen her wäre diese Traumelf kaum zu schlagen. Aber im Fußball sind die elf besten Spieler nicht automatisch die beste Elf. In einem Spiel ohne Wettkampfcharakter wäre das Zusammenspiel dieser Mannschaft sicherlich ein Augenschmaus. Doch in dieser Mannschaft würde sicherlich der eine oder andere Wasserträger fehlen. Es gibt im Weltfußball nur eine Ausnahme: Real Madrid: Die holen einfach die besten Spieler der Welt – und der Trainer muss zusehen, wie er die alle unter einen Hut bekommt.

Mein Einstieg als Bundesligatrainer

Ich habe in den 1970ern selbst in Frankfurt gespielt. Danach ist der Kontakt zur Eintracht nie abgerissen. Als Präsident Hölzenbein 1991 einen neuen Chefcoach gesucht hat, ist er auf mich aufmerksam geworden, auch weil ich als Trainer mit meinen Teams immer offensiven Fußball und oben mitgespielt habe. Vor dem Sprung von der Oberliga Südwest in die Bundesliga hatte ich keine Angst, an Selbstbewusstsein hat es mir schon als Spieler nicht gemangelt.

Beim Fußball müssen Trainer und Mannschaft zusammenpassen. Wenn der Trainer die richtige Ansprache hat und ein System spielen lässt, dass die Mannschaft beherrscht, kann er das Team zum Erfolg führen! So war es bei mir und der Eintracht.

Ich habe die Eintracht auf dem 14. Platz übernommen und habe sie gut ein Jahr später bis zum 33. Spieltag ganz nach oben geführt. Und wenn es den Videobeweis schon damals gegeben hätte, wären wir wahrscheinlich deutscher Meister geworden. Die Mannschaft hätte es auf jeden Fall verdient gehabt! Wir haben die meisten Tore geschossen und den „Fußball 2000“ gespielt.

Foto: imago/Pressefoto Baumann

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