Rainer Zobel

Rainer Zobel

Der Zufall hat dafür gesorgt, dass Rainer Zobel nach seiner aktiven Karriere als Fußball-Profi nicht sein Jura-Studium zu Ende gemacht, sondern eine Karriere als Trainer eingeschlagen hat. Diese führte ihn aus den Niederungen des Amateurfußballs bis in die 1. Bundesliga. Hier stellt er seine Traumelf aus ehemaligen Schützlingen bei seinen Stationen Stuttgarter Kickers, 1. FC Kaiserslautern, 1. FC Nürnberg und Al Ahly Kairo vor und berichtet von seinem größten Abenteuer als Trainer im Ausland. Außerdem erinnert er sich an das „Phantomtor“ von Thomas Helmer, durch das er als Trainer von Nürnberg mit dem Club abgestiegen ist.

Die Traumelf von Trainer Rainer Zobel

Taktische Aufstellung

Traumelf von Trainer Rainer Zobel- Die Aufstellung

Andreas Köppke // Torwart // 1. FC Nürnberg

Mit seinen 1,80 Meter war Andy für einen Torwart nicht sonderlich groß, aber trotzdem ein ganz Großer. In der Mannschaft hatte er einen hohen Stellenwert und war auch für mich als Trainer ein wichtiger Ansprechpartner. Ich hielt ihn Mitte der 1990er Jahre für einen der besten Torhüter der Welt. Ich habe nie wieder einen Keeper erlebt, der so eine Reaktionsstärke hatte und bei Flachschüssen so schnell unten war. Er war ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, sehr besonnen, hat auf dem Platz aber Verantwortung übernommen, unter anderem indem er die Elfmeter geschossen hat.

Nur einen Elfer hat er leider nicht getreten, obwohl er der etatmäßige Schütze war: Im Spiel gegen die Bayern am 32. Spieltag der Saison 1993/94, als Thomas Helmer das “Phantomtor” gemacht hat, haben wir beim Stand von 1:2 in der 80. Minute einen Elfmeter zugesprochen bekommen. Doch anstatt Andy ist Manni Schwabl angetreten und konnte Bayern-Torwart Raimund Aumann nicht überwinden. Zwar hat der DFB auf unseren Protest hin ein Wiederholungsspiel angesetzt, doch das haben wir 0:5 verloren.

Der Rest ist Geschichte: Wir sind aufgrund des schlechteren Torverhältnisses abgestiegen und Bayern wurde mit einem Punkt Vorsprung vor dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister. Ich bin mir sicher: Wenn Andy den Elfer geschossen hätte, wäre es anders gekommen.

Luboš Kubík // Innenverteidiger // 1. FC Nürnberg

Luboš Kubik 1993 kam als tschechischer Nationalspieler vom FC Metz zum Club. Er war ein ganz feiner Techniker mit viel Übersicht, so dass er auch unter Druck stets Lösungen gefunden hat. Stark waren auch seine Freistöße, mit denen er regelmäßig getroffen hat. Von seiner Anlage her habe ich ihn mit Franz Beckenbauer vergleichen. Er war kein Lautsprecher, sondern hat mit Leistung überzeugt und wurde dadurch vom ganzen Team respektiert, zumal er ein großartiger Mensch war.

Samir Kamouna // Innenverteidiger // Al Ahly Kairo

Kamouna war der Prototyp eines perfektes Verteidigers: Kräftige Statur, hart im Zweikampf, technisch versiert und unfassbar schnell. Zudem waren seine Freistöße gefürchtet. Er konnte ungemein hart und platziert schießen. Bei mir und in der ägyptischen Nationalmannschaft hat er daher die Freistöße geschossen.

1998 ist Kamouna zum 1. FC Kaiserslautern gewechselt. Sportlich hat er dort Fuß gefasst, doch nach einem Jahr ist er wieder weggegangen, weil er mit dem Leben und der Mentalität in Deutschland nicht zurechtkam. Er war eine Frohnatur, ihm fehlten seine Freunde und seine Familie und er litt auch darunter, hier nur einer von vielen Bundesliga-Profis zu sein anstatt ein Star wie in seiner Heimat, denn Al Ahly Kairo in ist Ägypten das, was Bayern in Deutschland oder Juventus in Italien ist.

Michael Wiesinger // Rechter Verteidiger // 1. FC Nürnberg

Michael war quirlig und enorm laufstark. Sein Offensivdrang war auf dem Rasen genauso groß wie beim Feiern, auch wenn er sonst eher ein ruhiger Typ war. Für mich als Trainer gab es kaum einen pflegeleichteren Spieler als ihn: Wenn ich ihm taktische Aufgaben gestellt habe, hat er diese schnell verstanden und anschließend Eins zu Eins umgesetzt. Ein Traum für einen Trainer!

Mohamed Emara // Linker Verteidiger // Al Ahly Kairo

Bei El Ahly Kairo hatten wir auf der Linksverteidigerposition damals zwei ägyptische Nationalspieler, Mohamed Emara und Yasser Rayan, die sich im Club und in der Nationalmannschaft abgewechselt haben, weil keiner Kompromisse eingehen und auf einer anderen Position spielen wollte. Dafür waren sie zu stolz.

Emara war für mich der etwas bessere, in der Kabine hatte er als junger Spieler jedoch nicht viel zu sagen, weil in Ägypten die älteren Spieler den Ton angeben. Er war ungemein schnell und hatte einen starken Offensivdrang. Mit seinen gefährlichen Flanken hat er mich an Manni Kaltz erinnert. Am Anfang musste ich in sein Stellungsspiel eingreifen. Da hatte er Defizite, weil er der Meinung war, mit seiner Schnelligkeit sowieso jeden Gegenspieler einfangen zu können. Doch so etwas kann auf Dauer natürlich nicht gut gehen.

In meinen drei Jahren von 1997 bis 2000 in Kairo ist es mir gelungen, den Altersschnitt der Mannschaft von 28 auf 23 Jahren zu senken und trotzdem jedes Jahr Meister zu werden. Emara war in dem verjüngten Kader ein Schlüsselspieler, bis er uns in Richtung Deutschland verlassen hat. Für mich als Trainer war das bedauerlich, doch persönlich habe ich mich für ihn gefreut, dass er den Schritt in die Bundesliga geschafft hat und bei Hansa Rostock Stammspieler wurde.

Karel Kula // Defensives Mittelfeld // Stuttgarter Kickers

Karel Kula war tschechoslowakischer Nationalspieler und kam nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1991 aus Banik Ostrau zu den Stuttgarter Kickers. Er hat schnell deutsch gelernt, so dass es für mich als Trainer kein Problem war, mich mit ihm zu verständigen. Im Mittelfeld konnte er auf jeder Position spielen. Aufgrund seiner Defensivstärke stelle ich ihn in meiner Traumelf auf der 6er-Position auf. Mit seiner Spielübersicht hatte er das ganze Geschehen auf dem Platz im Blick. Seine Spielweise war ruhig, konsequent und hart.

Alain Sutter // Linkes Zentrales Mittelfeld // 1. FC Nürnberg

In Nürnberg wohnten Alain und ich eine zeitlang im gleichen Haus, seine Wohnung lag direkt über meiner. Mein Sohn war damals noch sehr klein. Wenn meine Frau und ich mal ausgehen wollten, hat er sich als Babysitter angeboten und auf den Kleinen aufgepasst. Damit wollte er sich nicht bei mir einschmeicheln, zumal er das sportlich gar nicht nötig hatte, sondern er war einfach ein durch und durch sozialer Mensch, der gerne anderen geholfen hat.

Auf dem Rasen war er ein Schöngeist und Edeltechniker. Mit seinem hohen Spielverständnis und seiner Torgefahr war er unumstrittener Stammspieler und wechselte nach dem Abstieg zu Bayern München.

Hans Dorfner // Rechtes Zentrales Mittelfeld // 1. FC Nürnberg

Ich habe Hansi Dorfner beim Club trainiert, doch leider kam er bei mir nie in einem Pflichtspiel zum Einsatz, weil er sich so schwer verletzt hat, dass er Sportinvalide wurde. Für den Verein war das ein großer Verlust, denn seine Persönlichkeit und Präsenz auf dem Platz waren phänomenal. Er konnte eine Mannschaft führen und mitreißen und brachte alles mit, was ein Mittelfeldspieler braucht, allen voran eine erstklassige Technik.

Stefan Kuntz // Linksaußen // 1. FC Kaiserslautern

Stefan war charakterlich einwandfrei und für alle Mitspieler ein Vorbild an Einsatzbereitschaft. Er hat den Siegeswillen verkörpert wie kein Zweiter. Ihm musste ich nicht sagen, dass er mit nach hinten arbeiten soll, das gehörte zu seinem Spiel dazu. Technisch gab es bessere als ihn, doch für den Gegner war Stefan ein ständiger Unruheherd, der im Strafraum mit seiner Schuss- und Kopfballstärke permanent Torgefahr ausstrahlte und keine Angst hatte, in die Zweikämpfe zu gehen.

Wir hatten von Anfang an einen guten Draht zueinander. Als Stefan am Saisonende 1992/93 im Auto auf dem Weg zum Training von meiner Entlassung beim FCK erfahren hat, rief er mich daraufhin an und sagte mir, dass er vor Schreck fast gegen einen Baum gefahren wäre.

Sergio Zarate // Rechtsaußen // 1. FC Nürnberg

Sergio Zarate war ein sensationeller Fußballer, nur leider als Typ genau das Gegenteil von Stefan Kuntz. In meiner Laufbahn war die “Zaubermaus” sowohl einer der besten Spieler, die ich je trainiert haben, als auch eine meiner größten Herausforderungen. Leider hat er es nie geschafft, sein volles Potential konstant auf dem Platz umzusetzen. Dabei hat er von seinen Anlagen alles mitgebracht, was ein Außenstürmer braucht: Technik, Schnelligkeit und einen exzellenten Schuss. Sein Manko waren seine Undiszipliniertheiten auf und neben dem Platz. Ich will ihn aber nicht in die Pfanne hauen, deswegen gehe ich nicht weiter ins Detail. (lacht)

Hossam Hassan // Mittelstürmer // Al Ahly Kairo

Mit 67 Toren in 178 Länderspielen ist Hossam Hassan Rekordtorschütze Ägyptens und dort ein Nationalheld. Er hatte einen Torinstinkt wie Gerd Müller. Ich habe keinen anderen Spieler trainiert, der so ein gutes Gespür dafür hatte, wo er stehen musste, um im Strafraum an den Ball zu kommen und die Pille zu versenken. Ich bin mir sicher, dass er mit seinen Qualitäten auch in der Bundesliga pro Saison zwischen 15 und 20 Tore gemacht hätte. Ein Musterprofi war er allerdings nicht. Nach hinten zu arbeiten war nicht sein Ding. Außerdem konnte er sehr jähzornig werden, wenn ihm etwas gegen die Strich ging.

Eine Anekdote als Beleg für seine Extravaganz: Um seine Chancen auf einen geplanten Wechsel in die Türkei zu verbessern, hat er sich ein Jahr jünger gemacht, indem er seinen Pass gefälscht hat. Bei einer Reise der Nationalmannschaft fiel das jedoch bei einer Kontrolle am Flughafen auf, weil er nun ein anderes Geburtsdatum als sein Zwillingsbruder Ibrahim hatte, der ebenfalls ägyptischer Nationalspieler und mit an Bord der Maschine war. (lacht)

Karriere-Insights

Mein Weg zum Trainer

Ich wollte eigentlich nie Trainer werden, sondern habe nach meinem Karriereende als Spieler in Hamburg angefangen, Jura zu studieren. Zu der Zeit, im Jahr 1982, habe ich in meiner Heimatstadt Uelzen gewohnt, so dass mich der 1. Vorsitzende des SV Teutonia Uelzen angesprochen hat, ob ich dort nicht das Training der 1. Mannschaft leiten könne, weil dort immer nur eine Handvoll Spieler beim Training waren. Die Mannschaft spielte zu dem Zeitpunkt in der Bezirksliga. Sein Kalkül: Mit mir als ehemaligen Bayern-Profi kämen sicher wieder mehr Spieler zum Training. Ich habe zugesagt, war mir aber nicht sicher, ob ich einer Mannschaft meine Ideen und Vorstellungen vermitteln kann. Das hat jedoch auf Anhieb geklappt, so dass nach einer Weile der Lüneburger SK auf mich aufmerksam wurde. Mit meiner Hilfe wollten die sich vor dem Abstieg retten, was uns letztlich auch gelungen ist. Damals habe ich mich entschlossen, mein Jura-Studium nicht fortzuführen, sondern die Trainerkarriere einzuschlagen, so dass ich zunächst in Hennef unter Holger Osieck meinen Trainer-A-Schein gemacht und später in Köln meine Trainer-Ausbildung absolviert habe.

1987 hat der damalige Zweitligist Eintracht Braunschweig mich als Co-Trainer von Uwe Reinders verpflichtet, bevor ich 1990 als Cheftrainer zu den Stuttgarter Kickers gewechselt bin. Dort gelang es mir, mit der Mannschaft in die 1. Bundesliga aufzusteigen. In Deutschland folgten Stationen beim 1. FC Kaiserslautern, dem 1. FC Nürnberg und bei TeBe Berlin, bevor ich in Afrika, Asien und Europa bei insgesamt zehn verschiedenen Vereinen gearbeitet habe.

Mit Glück, Zufall und sicherlich auch etwas Können ging es für mich als Trainer vom unteren Amateurbereich Schritt für Schritt bis in die Bundesliga. Für mich war es wichtig, zunächst Erfahrung in unteren Ligen zu sammeln. Das hat mir geholfen, auch im Erfolg auf dem Boden zu bleiben. Als Trainer eines kleinen Klubs muss man fast alles selbst machen und darf sich auch nicht zu schade dafür sein, die Trikots zu waschen. Je höher man kommt, desto einfacher ist es als Trainer, weil einem alles Organisatorische abgenommen wird. Dafür trägt man allerdings deutlich mehr Verantwortung.

Meine Philosophie als Trainer

Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Trainer eine neue Stelle antreten und dann ihr immer gleiches System spielen wollen. Zuerst muss ich schauen: Welches Potential haben die einzelnen Spieler meiner Mannschaft, welche Spieler passen auf dem Platz zusammen und mit welchem System habe ich angesichts des Kaders die größten Chancen auf Erfolg? Sofern der Klub nicht die finanziellen Mittel hat, den Kader nach den Vorstellungen des Trainers zusammenzustellen, muss er ein System finden, das zum Kader passt. Das habe ich immer so gehandhabt.

Ebenso war es mir immer wichtiger, ob meine Spieler gut Fußball spielen und eine gute Einstellung hatten, als dass ich gesteigerten Wert auf ihre Blutwerte, Laktatwerte oder Höchstgeschwindigkei gelegt habe. Die fußballerische Qualität ist das wichtigste!

Meine kurioseste Trainer-Station

Wenn man als Trainer ins Ausland geht, muss man grundsätzlich bereit sein, sich auf Abenteuer einzulassen. Man weiß nie genau, was einen erwartet.

Meine größtes Abenteuer war meine Zeit beim FC Milsami in Moldawien. Was ich vor meinem Antritt dort nicht wusste: Der Präsident und der Manager waren gleichzeitig Spielerberater, die jeweils die Hälfte des Kaders betreut haben. Jeder war sauer, wenn ich nicht “seine” Spieler aufgestellt habe. Als ich nach drei Monaten von einem der beiden Geld dafür angeboten bekam, wenn ich dessen Spieler einsetze, habe ich die Brocken hingeworfen.

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>> Die Traumelf von Rainer Zobel als Spieler

Bildcredits: imago/Baering

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